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Titanic
Titanic ist der erfolgreichste Film aller Zeiten, zumindest was die absoluten Zahlen angeht. Inflationsbedingt wird er etwa Vom Winde verweht überholt. Im Erscheinungsjahr ging mit dem Mega-Hype auch eine sog. »Leomania« einher, welche aber bald abflachte. Heute kann man zu Recht sagen, Leonardo DiCaprio hat sich als ernst zu nehmender Darsteller etabliert. Auch die Academy kam nicht umhin, den Film mit Preisen zu überhäufen, ganze elf Oscars, darunter »Bester Film« und »Bester Regisseur«.
Man kommt, wenn man sich ernsthaft mit der Filmgeschichte befasst, nicht umhin, diesen Film anzusehen. Der Regisseur heißt James Cameron, genau jener Regisseur, der schon mit Terminator 2 im visuellen Bereich neue Maßstäbe gesetzt und einen Kultfilm für die Ewigkeit geschaffen hat. Cameron ist riesige Dimensionen gewohnt, und dies war nicht nur sein größter Film bislang, denn die Titanic wurde in der vollen Größe auf einer Seite nachgebaut und zwar so, dass man sie in einem riesigen 1,2 m tiefen Becken absenken kann. Die Macher sprechen gerne vom »größten Set aller Zeiten«, Fakt ist jedoch, dass es sich um eines der größten Sets aller Zeiten handelt (Kleopatra mit Elisabeth Taylor gilt ja bis heute als teuerster Film aller Zeiten, denn hier war nahezu alles mangels CGI »echt«).
Seit Jurassic Park wusste man in der Filmbranche auch, was man mithilfe modernster Computergraphiken erreichen konnte, eine neue Dimension des Filmemachens tat sich auf. Der 1997 erschienene Titanic reizte die damaligen Möglichkeiten bis aufs letzte aus. Es handelt sich um eine im Film nicht erkennbare Mischung aus echten Titanic Aufnahmen, zur Gänze erstellte CGI Einstellungen, Miniaturen und dem gigantischen Set. Wie im (ebenso gigantischen) Making Of erläutert, wurde auch die Teetrink-Szene in der ersten Klasse vor dem Greenscreen gedreht, und der Raum, die 1. Klasse, als Miniatur digital zusammengefügt. Laut Cameron sparte man so mehrere tausende Dollar. Dies reiht sich ein in das allgemeine Gefühl, welches man bekommt, wenn man den Film sieht: Hier wurde milimetergenau gearbeitet, perfekt recherchiert, um die Pracht der (nicht gesunkenen) Titanic wieder aufleben zu lassen. Bei der zentralen Stiegenhalle mit der Kristallkuppel wurde sogar etwas übertrieben, sie wird im Film größer dargestellt, als sie in Wirklichkeit war. James Camerons Philosophie für den Film war in eigenen Worten, die ganze Pracht dieses Schiffes zu zeigen, sie »unsinkbar« zu zeigen, um mindestens die erste Hälfte des Filmes ein Gefühl für die allgemeine Stimmung der damaligen Zeit einzufangen. Denn dieses Schiff war ein zeitgenössisches Spiegelbild: Als Symbol für die technische Triumphe der Zeit, als Symbol der Beherrschung der Natur.
Um dies glaubhaft darzustellen waren ihm nicht nur alle Mittel recht, auch das Geld schien keine Rolle zu spielen. So gibt es etwa den berühmten »1 Mio. $ Shot«, wo die Kamera in atemberaubender Manier vom Bug über das (linke) Oberdeck »fliegt« und so das 269 m lange Schiff in seiner ganzen Größe und in voller Fahrt voraus zeigt. So dürften es bislang nur jene Passagiere in Southampton 1912 erlebt haben, und das nicht im Hochseebetrieb. Aus dem Kinobesuch welcher lange her ist, weiß ich noch, dass mir der Atem stockte.
Nachdem also Cameron es meiner Meinung nach in der ersten Hälfte des Filmes in atemberaubender Manier geschafft hat dieses Schiff wieder auferstehen zu lassen und es als Symbol des menschlichen Triumphes zu positionieren, kommt die große Zäsur. Wichtig ist eben der Moment, dass sich der Zuseher bereits in Sicherheit wiegt, obwohl er ja das Schicksal der Titanic von vorhinein kennt. Der Bruch kommt an der schönsten Stelle des Filmes, dort wo es am Meisten schmerzt und es ist nur gewollt. Obwohl das Schiff an sich bereits die Sensation ist, das eigentlich beeindruckende, berührt den Zuseher die Geschichte zweier Menschen in einer für uns ungewohnten Gesellschaft von vorgestern. Es ist einfach eine klassische Liebesgeschichte auf einem nie da gewesenen Set, immerhin gab es ja schon einige Titanic Filme (etwa 1980 mit dem legendären Alec Guinness, oder ein Jahr früher mit Ian Holm und Helen Mirren). Für mich steht jedenfalls fest, dass diese Liebesgeschichte zwischen Jack und Rose zu den mitunter schönsten der Filmgeschichte gehört, zumal sie angesichts des Untergangs nicht komplett »verkitscht« (ein Wort, das angesichts der Größe ohnehin unangebracht erscheint). Aber nicht zu vergessen: Diese Geschichte gewinnt eben so enorm an Größe, wegen der Titanic, sonst wäre der Film kaum der Welterfolg geworden, der er eben wurde.
Angesichts des Endes, welches jeder kennen dürfte, erscheint es vielleicht auch fraglich, ob der Film denn überhaupt eine Spannung aufbauen kann. Ja, er kann und wie! Gute Filme (hier lassen sich viele nennen) zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie auch nach mehrmaligem Sichten (womit man das Ende bereits kennt) nicht an Spannung/Qualität verlieren, sondern oft sogar noch gewinnen. So auch hier: Man weiß, dass die Titanic sinken wird, aber aufgrund der bombastischen Inszenierung »vergisst« man dies für eine gewisse Dauer sogar. Als die Kollision erfolgt (und zwar aus purer Überheblichkeit), blickt man fast ungläubig auf die Leinwand, man frägt sich, wie dieser Gigant wohl sinken könne. War die erste Hälfte (bzw. sogar mehr) des Filmes bereits ein Effektfeuerwerk, folgt nun der Overkill: Der Untergang der Titanic wird fast in Echtzeit dargestellt. Wenn man mit einem weinenden Auge die über 40 Minuten geschnittenen Szenen hinzudenkt, kommen wir fast genau auf die tatsächliche Untergangsdauer. Eine Wahnsinnsorganisationsleistung angesichts der Größe dieses Projektes! Unterbrochen wird der Film ja immer wieder durch den Blick »zurück« in die Gegenwart zur alten Rose und den gespannten Zuhörern. Hier wird dann mit einer Animation genau deutlich (die übrigens auf DVD 4 der Deluxe Collectors Edition separat abspielbar ist), wie es zum Sinken der Titanic kam. In früheren Filmen sank die Titanic ja quasi »erhaben«, zerbrochen wurde sie nie gezeigt. Diese irrige Annahme stützte sich auf fragwürdige Zeugenberichte einiger (parteiischer) Überlebender. Da Cameron ja am Grunde des Meeres in vier oder fünf Tauchgängen selbst gesehen hat, und sie mittels speziell angefertigter Kamera selbst gefilmt hat, wurde dieser Irrtum allerspätestens aufgedeckt. (Der erste Tauchgang war ja bereits 1986. 2003 entstand ja der Dokumentarfilm Die Geister der Titanic, wo noch zusätzliche Tauchgänge eingebaut wurden). Somit bleibt am Untergang der Titanic wenig »erhabenes«, sondern der pure Überlebenskampf, oder: Die Aufdeckung der wahren Motive, des wahren Charakters der Menschen.
Der Untergang ist selten spannend, da man mit den zwei Hauptprotagonisten, mit denen man sich im Laufe des Filmes voll identifiziert, mit fiebert und ihr Schicksal bei der ersten Sichtung nicht ganz klar ist. Der Ablauf des Unterganges ist wegen der gleichzeitigen Übersichtlichkeit und Genauigkeit vollends logisch und gleichzeitig tragisch-spannend, vielfach traurig; man denke etwa an das alte Ehepaar, das gemeinsam in der Luke das Wasser erwartet.
Es sind die verschiedenen Figuren, welche den Untergang so tragisch-spannend machen, da sich Cameron genug Zeit lies, ihnen vor dem Untergang ein Gesicht zu geben. Somit lässt einen der Untergang schon gar nicht kalt, im Gegenteil.
James Horner gehörte spätestens seit Braveheart zur Creme de la Creme von Hollywoods klassischen Filmkompositeuren. Klar war, dass Titanic anders klingen muss, obwohl dieser Soundtrack als ebenso klassisch angesehen werden kann. Glücklicherweise reicht Horners Titanic Werk fast an sein Meisterstück heran. Zu einem Gutteil beeindruckt das Auslaufen der Titanic in Southampton auch wegen Horners gleichnamigen Komposition. Erhaben, schön und groß – so könnte man seine Komposition am besten beschreiben. Dass sie tragisch auch sein muss, ist natürlich klar. Nebenbei schrieb er zusammen mit Will Jennings den Welthit My Heart Will Go On, interpretiert von Celine Dion. Die Instrumentalversion dieses Stückes wurde auch die Erkennungsmelodie des Filmes, denn Dions Version wird erst am Ende des Filmes gespielt.
Die Kombination aus den beiden Teilen, nämlich kurz zusammengefasst: (1) Die Pracht, die »Unsinkbarkeit« des Schiffes, sowie (2) der gar nicht glamouröse Untergang, ergibt das eigentümliche, unerreichte Flair dieses gigantischen Filmes; man fühlt sich nach der Sichtung, als hätte man die Titanic und ihren Untergang tatsächlich miterlebt, und zwar v. a. emotional.
Dies ist jedoch einer der Filme, der unbedingt auf dem größtmöglichen Bildschirm mit der bassreichsten dts-Anlage angesehen werden soll, nur so entfaltet er seine audiovisuelle Kraft vollends. Hat man diese Möglichkeit nicht, wirkt der Film nicht mehr so groß, beeindruckend ist er aber auf jeden Fall. Kurzum: Einer der wenigen absoluten must-see Filme überhaupt.
Fußnote zur Heimveröffentlichung: Der Film wurde adäquat in einer 4er DVD Deluxe Version aufgelegt, welche uneingeschränkt empfohlen werden kann, da sie eine interessante Mischung aus historischen Erkenntnissen über die Titanic und den Machprozess des Filmes darstellt.
Fußnote zur 3D-Kinoversion: Die 3D-Konvertierung muss durchwegs als gelungen bezeichnet werden. Aber anders als erwartet haben nicht jene Szenen die besten 3D-Effekte, in denen das Schiff groß zu sehen ist, sondern jene, in denen die Darsteller in Nahaufnahme zu sehen sind. Für mich ist dieser (nachträgliche) Einsatz der 3D-Technologie auch ein Indikator hierfür, dass 3D nicht unbedingt anders gefilmt sein muss, als die 2D-Variante. Die Wiederveröffentlichung erfüllt die Erwartungen, die man an einen James Cameron stellen konnte.