Herz aus Stahl
77.9/100

Herz aus Stahl

FILM • 2014 • 2 Std. 14 Min.


Regie: David Ayer

Darsteller/-innen: Brad Pitt, Jason Isaacs, Brad William Henke, Shia LaBeouf, Logan Lerman, Michael Peña, Jon Bernthal, Alicia von Rittberg, Xavier Samuel, Scott Eastwood, Anamaria Marinca, Jim Parrack, Daniel Betts, Kevin Vance, Laurence Spellman

Genre: Action, Drama, Krieg



April, 1945. Während die Alliierten ihren letzten und entscheidenden Vorstoß in den Kriegsschauplatz von Europa wagen, kommandiert ein kampferprobter Army Sergeant namens Wardaddy (BRAD PITT) einen Sherman Panzer und dessen fünfköpfige Besatzung auf einer tödlichen Mission hinter den Feindeslinien. Zahlen- und waffenmäßig weit unterlegen, und mit einem blutigen Anfänger-Rekruten, der ihnen aufgedrängt wurde, an ihrer Seite, müssen sich Wardaddy und seine Männer gegen überwältigend große Widerstände behaupten, als sie heldenhaft versuchen, mitten im Herzen von Nazi-Deutschland zuzuschlagen.


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MarcosFilmblog
04.01.15 - 15:46
Im Jahre 1945 neigt sich der Zweite Weltkrieg dem Ende zu. Die Alliierten haben ihre Lager in Deutschland aufgeschlagen und bekämpfen die verbliebenen Einheiten des Dritten Reichs auf deutschem Boden. Mit dem Prinzip des “Totalen Krieges” versucht Hitler letzten Widerstand gegen die gegnerische Übermacht zu leisten. Inmitten der Gefechte befindet sich Sergeant Don “Wardaddy” Collier, der Teil eines amerikanischen Panzerbataillons ist. Während eines intensiven Gefechts müssen die kämpfenden Parteien schwere Verluste ertragen. Der Panzer “Fury”, der von Don befehligt wird, bleibt als einziger Teilnehmer des Kampfes übrig, allerdings ist einer der Männer Dons bei dem Aufeinandertreffen mit den deutschen Einheiten ums Leben gekommen. Mit dem Rest der Besatzung Boyd (Shia LaBeouf), einem gläubigen Christen, Trini (Michael Peña), einem Soldaten hispanischer Herkunft, und Grady (Jon Bernthal), dem Raubein der Truppe, fährt Don zurück zu einem amerikanischen Camp, in dem die Auswirkungen des Krieges, der mittlerweile guerrila-anmutende Züge angenommen hat, sichtbar sind. Bevor das Team mit ihrem “Fury” wieder in das Kampfgebiet aufbrechen kann, muss allerdings ein neuer Mann für das Maschinengewehr gefunden werden. Die vollkommen überlastete Administration teilt Don den absolut unerfahrenen Norman (Logan Lerman), der normalerweise für einen Job vor der Schreibmaschine ausgebildet wurde, zu. In dieser neuen Konstellation wird die Einheit vor schwierige Aufgaben gestellt, die besonders Norman, zusetzen und ihn an den Rand seiner Kräfte bringen…

Kriegsdramen sind für jeden Regisseur ein schwieriges Unterfangen. Ständig läuft man Gefahr ein bestimmtes politisches Ideal zu klassifizieren oder charakteristische Werte einer Partei zuzuordnen. Partei A ist das pure Böse, das zu keinerlei menschlicher Regung fähig ist und Partei B verkörpert die strahlend weiße Weste, die mit extra viel patriotischem Waschmittel gereinigt worden ist. Ein weiterer Schützengraben, der den Filmemachern bei so einer Produktion schnell als Fallgrube zum Verhängnis werden kann, ist der inflationäre Einsatz an Actionsequenzen, die für die Entwicklung einer Geschichte wenig beitragen. David Ayer hat es mit Fury geschafft einen ausbalancierten Genrebeitrag zu leisten, der mit seiner Eindringlichkeit der ungeschönten Bilder und erstklassigen Darstellern es schafft, zu berühren. Die Form des Filmes ist offen. Das , was vor den Erlebnissen der Charaktere passiert, wird mit einer Texteinblendung schnell erzählt. Es ist für die Darstellung eines Einzelschicksals, das nur ein kleiner Baustein der potentiellen Kriegserfahrungen aus einer Burg an traumatischen Geschichten ist, nicht notwendig einen langen Weg der Etablierung des Schreckens vorzunehmen. Ayer möchte sich nicht mit unkomplizierten Winkelzügen aufhalten. Sein Credo ist die Linearität, das als Konzept prima aufgeht. Was deutlich macht, dass die Action nicht im Vordergrund steht, ist die Eröffnungsszene. Authentisch gestaltete Überreste einer Schlacht zwischen erbarmungsloser Artillerie und dreckige Armeelager, die von distanzierten, beinahe schon behäbigen Kamerafahrten, umrandet werden, dienen als Gleichnis der von der blutigen Vergangenheit der letzen Monate und Jahre gezeichneten Figuren. Geradelinig ist, wie schon erwähnt, der gewählte Pfad des Storytellings. Von Auftrag zu Auftrag müssen sich Don und seine Leute durch dörfliche Landschaften fortbewegen. Der Krieg ist nicht an Großstädte gekoppelt, Schlachten werden auf Kosten der einfachen Leute geschlagen und man kann sich nie sicher sein, wo das Verderben auf abgestumpfte Männer lauert. Brad Pitt spielt keinen stereotypischen Helden, sondern einen Mentor, der sich selbst für sein Verhalten zu hassen scheint. Keine Vergebung für den Feind, der nur als seelenloses Hindernis betrachtet wird! Das mangelnde Identifikationspotential mit den Figuren ist Pflicht für die Botschaften, die mit dem Drama vermittelt werden sollen. Um zu bestehen, muss alle Menschlichkeit abgelegt werden. Diese Lektionen muss Norman in episodenhaften Stationen lernen, bis auch er Teil eines Kreises an Männern wird, die feindliche Soldaten mit Flüchen beschimpfen und “Krauts” nennen, damit alle menschlichen Attribute von den lebenden Körpern genommen werden. Gemeinschaft ist ein Wort, das notwendig ist, um solche Situationen zu überstehen, wobei sie auch fragwürdige Entscheidungen hervorruft, die zeigen, dass jegliches Fehlverhalten nur toleriert wird, weil man von den Dämonen, die durch Kriege zu schattenhaften Begleitern geworden sind, nicht alleine gelassen wird. Beispielhaft hierfür ist eine lange Pause des Militärkorps in einer Kleinstadt, wo Don und Norman in Kontakt mit zwei deutschen Frauen treten. Menschliche Momente sind in diesen Zeiten vergänglich und es kann nicht über den eigenen Schatten gesprungen werden, da die Aktionen eines Grady bei aller Widerwärtigkeit dennoch nachvollzogen werden können. Aus diesem Trott kann nicht ausgebrochen werden. Die Intensität an Gewalt ist hoch und wird durch die Montage noch verstärkt. An einer Stelle des Films kommt es zu einem bewusst gewählten Achsensprung, der den Schrecken Normans über einen verzweifelten Suizid eines Kameraden auch für den Zuschauer fühlbar macht. Die Actionsequenzen sind in weiten Einstellungen gefilmt und laufen nicht alle nach dem gleichen Schema ab. Zur besseren Orientierung während der Gefechte hat man sich entschlossen, die Geschosse mit CGI in zwei Farben einzufärben. Rot steht für die Alliierten und Grün für die Truppen Deutschlands. Spöttisch könnte man sagen, dass eine solche Gestaltung eher passend für einen Science-Fiction-Film geeignet wäre. Diese Zweifel sind verständlich, aber Tatsache ist, dass es nicht unüblich war Panzermunition mit “Tracern” zu versehen. Selbstverständlich fallen die Farben in realen Begegnungen dieser Art nicht so grell aus, aber -die Feuergefechte wirken übersichtlicher und es wird ihnen eine Haptik verliehen, die zu einer Entschärfung des Gezeigten führt. Distanz von Gewalt ist in gewissem Maße keine verkehrte Entscheidung. Bemerkenswert ist auch die Verlagerung des Schärfenbereichs, die den Betrachter zusammen mit anfangs eingeschränkten Bildfeldern unvorbereitet erschüttert. Ein baumelndes Paar Kinderfüße erweist sich als erbarmungsloses Bild, das über den Zuschauer hereinbricht. Im Vorfeld sorgte Shia LaBeouf für viel Wirbel, der neben Brad Pitt die wohl stärkste Leistung im Cast zeigt. Ja, er hat sich einen gezogen und während den gesamten Dreharbeiten nicht geduscht, aber seine Darstellung geht an die Substanz und macht erneut den Schrecken, der in solchen Zeiten über den Menschen hereinbricht fühlbar. Das hochgepriesene Method-Acting ist ohne Zweifel Teil der Vermarktung des Filmes und wird immer drastischer als Aufhänger benutzt . Am Ende kommt es natürlich zu Versatzstücken des klassischen Heldentums, die zu irrationaler Standhaftigkeit zwingen. Über den Pathos täuschen die Vorkommnisse im “Fury”, der als Zuhause seiner Besatzung dient, hinweg, was den starken Schauspielern zu verdanken ist. In den letzten Minuten kommt es zu einer überraschenden Handlung, die ein Plädoyer für Hoffnung auf Menschlichkeit in dunkelsten Stunden ist. Ein leichter Ausweg, über den man sich aufgrund der bedrückenden Gesamtstimmung nicht beschweren darf. Der Mensch braucht Menschlichkeit, auch wenn sie einen illusionären Beigeschmack hat, denn die Traumata des Krieges bleiben trotzdem, wie die Aurikularisierung*, die den Sinneseindruck einer Figur gegen Ende empfindbar macht, intelligent vor Augen führt. Mit der letzten Einstellung wird ein letztes Statement gesetzt. Der Top-Shot, der den unerschütterlichen Koloss zeigt, offenbart uns, dass lediglich schweres Eisen und Stahl als sichtbare Wunden des Elends in Form eines Überbleibsel der dunklen Epochen des leidvollen Krieges bestehen bleiben, die inneren Wunden scheinen nicht erfassbar.

Fazit: “Fury” ist eine positive Überraschung, die sich nicht im einfachen Zeigen typischer Schwarz-Weiß-Schemata verliert und den Krieg zu keinem Zeitpunkt schön redet. Überlegt inszeniert und mit einem tollen Cast, der gebrochenen Existenzen ein authentisches Gesicht gibt, schafft es David Ayer ein Bild des Grauens zu zeichnen, das in Zukunft zu einem Geheimtipp des Genres avancieren könnte. Lediglich der finale Kampf wird exzessiv ausgereizt. Ein Anti-Kriegsfilm mit schwer ertragbaren Bildern, der diese Bezeichnung verdient hat.

Bewertung: 8/10
Genre: Kriegsfilm, Drama
FSK: Ab 16 Jahren
Laufzeit: 136 Minuten

*Aurikularisierung= Der Ton ist an die Wahrnehmung einer Figur gekoppelt

Marco Busselmaier

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