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Mommy
92.5/100

2 Bewertungen

Mommy

FILM • 2014 • 2 Std. 19 Min.


Regie: Xavier Dolan

Darsteller/-innen: Patrick Huard, Anne Dorval, Suzanne Clement, Antoine-Olivier Pilon, Alexandre Goyette, Michèle Lituac, Viviane Pascal, Natalie Hamel-Roy

Genre: Drama



Die resolute Diane liebt ihren 15-jährigen Sohn Steve über alles, obwohl er sie mit seinen extremen Wut- und Gewaltausbrüchen in den Wahnsinn und in den Ruin treibt. Seit dem Tod seines Vaters hat Steve eine Reihe von Heimen für schwer erziehbare Kinder durchlaufen. Nun kommt er zurück zu seiner Mutter, weil niemand sonst mit ihm fertig wird. Mit seinem fordernden Anspruch auf die Rolle des Mannes im Haus und seiner überbordenden Liebe zu ihr stellt er sie auf die Probe. Dabei ist Diane auch ohne ihren unbändigen Sohn längst überfordert mit sich und der Welt. In ihrem Bemühen, ihr Schicksal zu meistern, bekommt sie unverhofft Hilfe von der schweigsamen Nachbarin Kyla, der es gelingt, eine Balance in der Mutter-Sohn-Beziehung zu schaffen und eine zarte Hoffnung auf eine vielleicht doch noch glückliche Zukunft aufkeimen zu lassen.


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8martin

8martin


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25.03.15 - 10:58
Anfangs ist man nur geschockt, wegen der heftigen Fäkalsprache und den vielen F-Wörtchen. Dann ist man gepackt, weil man in den Sog der Handlung so hineingezogen wird, dass sie einen bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Regisseur Dolan schreit einem förmlich die Action und die Dialoge so heftig ins Zuschauergesicht, dass man sich manchmal wie bei einem Wirbelsturm schutzsuchend ducken möchte. Der Wunderknabe aus Kanada hat uns ein Mutter-Sohn Drama beschert, das mit ungeheurer Wucht auf die Zuschauer einschlägt. Der Star ist der junge Steve (Antoine-Olivier Pilon), der die Aggressivität in Persona ist. Gefährlich, weil der Vulkan in ihm jederzeit zum Ausbruch kommen kann. Seine alleinerziehende Mutter Diane (Anne Dorval) ist Ursache und Leittragende zugleich, aber das kriegt sie so nicht ganz mit. Erst die letzte Szene verdeutlicht durch ein Seelenfoto ihren inneren Zustand, nachdem alle sie verlassen haben. Dass es auch anders geht, zeigt die Nachbarin Kyla (Suzanne Clément). Die stotternde Lehrerin tut etwas, was Mutter Diane nie geschafft hat: sie setzt dem Jungen Grenzen und findet doch einen angemessenen Zugang zu Steve. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn mäandert zwischen Inzest und Krücke. Mutter kann nicht loslassen, sieht aber die Notwendigkeit, ihrem Sohn helfen zu müssen. Aber es gelingt ihr nie, das richtige zu tun. Steve ist ja keineswegs dumm. Er erkennt z.B. sofort, dass der benachbarte Rechtanwalt ihnen nicht helfen, sondern nur die Mutter flachlegen will.
Der Film verfolgt einen wegen seiner Intensität noch lange nach dem Abspann, wenn man Zeit hat durchzuschnaufen und das Geschehen einzuordnen.

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MarcosFilmblog

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11.11.14 - 22:22
Kanada 2015: Vor Kurzem wurde von der Regierung ein Gesetz erlassen, das Eltern von psychisch Erkrankten dazu berechtigt, das Sorgerecht an den Staat weiterzugeben und damit von den elterlichen Pflichten entbunden zu werden. Diane (Anne Dorval) ist alleinerziehende Mutter des als Problemfall eingestuften Steve ((Antoine Olivier-Pilon). Steve hat schon zahlreiche Einrichtungen durchlaufen und nachdem er in seiner letzten Behandlungsstelle ein Feuer legte, bei dem ein Mitbewohner schwere Verbrennungen davontrug, liegt es alleine an Diane, ihren Sohn zu betreuen. Steve in die Obhut des Staates zu übergeben, ist für Diane keine Option, da sie der Überzeugung ist, die Herausforderungen, die von den nächsten Jahren für sie bereitgehalten werden, zu meistern. Nach einigen strapaziösen Tagen, die an den Kräften beider zehren, lernt das Mutter-Sohn-Gespann die schüchterne Kyla (Suzanne Clément) kennen, die ihren Beruf als Gymnasiallehrerin aufgrund persönlicher Probleme für ein Jahr ausgesetzt hat, und in der Nachbarschaft wohnt. Diese Begegnung erweist sich für alle als große Chance…

Das Bildformat ist 1:1! Bei einigen Leuten, die von diesem ungewöhnlichen Erscheinungsbild des Filmes gehört haben, ist neben Neugierde mit Sicherheit auch einiges an Skepsis aufgekeimt. Xavier Dolan hat mit dieser Entscheidung allerdings alles richtig gemacht und erreicht mit den schmalen Bildausschnitten, die übrigens nicht über die gesamte Laufzeit einen Einblick in die filmische Erzählwelt geben, eine unglaubliche Wirkung, die den Zuschauer tief berührt. Der Franko-Kanadier ist gerade einmal fünfundzwanzig Jahre alt und durfte sich bereits in diesem Jahr über den Jurypreis bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes freuen, der ihm für seine Arbeit an diesem Projekt verliehen worden ist. Neben der Regie war er beim Entstehungsprozess von “Mommy” noch an zahlreichen weiteren Produktionsschritten beteiligt. Neben dem Drehbuch und dem Kostümdesign zeigte er sich hier auch für den Schnitt verantwortlich, der besonders in den perfekt in die Handlung eingebauten Sequenzen, die von einer stimmigen, musikalischen Untermalung profitieren, von Klasse zeugt. Es ist wahrlich unglaublicher Arbeitsaufwand, der dem Herzblut, das in Drama investiert wurde, gleicht .Die Geschichte an sich erscheint auf den ersten Blick relativ unspektakulär. Abgesehen von der Prämisse des fiktionalen Gesetzes, das einen diskutablen Ansatz aufweist, der ethische Fragen aufwirft, handelt es sich um klassische Komponenten eines Familiendramas , die im Drehbuch vereint worden sind. Anfangs besitzen die Szenen sogar einen humorvollen Tonfall, der sich mit zunehmender Spielzeit immer weiter verflüchtigt. Die Gratwanderung von der Tragikomödie zum erschütternden Drama vollzieht sich schleichend. Anne Dorval und Antoine-Olivier Pinol liefern eine makellose Performance ab. Pilon nutzt das Potential, dass die Rolle ihm bietet, indem er ein großes Repertoire an Mimik in sein Spiel integriert und besonders in den physisch fordernden Szenen eine immense Intensität an den Tag legt. Auch die verletzlichen Seiten des Charakters vermittelt er authentisch. Die Sonne scheint in der Welt des problematischen Jungen extrem selten. Unterstrichen durch das Format entsteht eine triste Grundstimmung, in der dunkle Farben das Bild dominieren. Ausnahme bilden die Sequenzen, in denen Steve mit seinem Longboard durch die Stadt fährt. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und auch die Kamera unternimmt eine unkontrollierte Kreisfahrt, die mit der Zügellosigkeit des Präsentierten und der psychischen Beschaffenheit Steves eine Symbiose eingehen. Sind wir farbenblind? Das suggeriert uns zumindest das Lied, das in dieser Sequenz zum Einsatz kommt. Ergänzend fügt sich Suzanne Clément in die Story ein. Ihr Schicksal wird nur angedeutet, da es für die eigentliche Dramaturgie irrelevant ist. Mit diesem Schachzug werden unnötige Längen konsequent vermieden. Gerade als da Quadrat sich in den Köpfen der Zuschauer eingebrannt hat, löst Dolan den Status quo mit Gewaltigkeit auf. Bestandteil dieses Vorgangs ist ein bekanntes Stück Pop, das in diesem Moment die angesetzte Staubschicht zu verlieren scheint und in neuem Glanz erstrahlt. Musik hat überhaupt eine ganz besondere Bedeutung bekommen. Oft beobachten wir das Einlegen einer CD in ein entsprechendes Abspielgerät, bevor die Musik letztendich über Lautsprecher den Kinosaal hauptsächlich mit Popklängen erfüllt. .Wohin der Weg für die Figuren führen könnte, macht uns Regisseur Xavier Dolan zu Beginn wohl klar, aber wir fiebern dennoch mit den Figuren mit und hoffen auf ein glückliches Ende. Wieder einmal ist es an späterer Stelle das Quadrat, das uns die Realität zurückholt und bei aller Einfachheit, sagt diese Kaschierung mehr als tausend Worte. Erwähnt sei in dieser Stelle noch die letzte Szene von Anne Dorval, die den schauspielerischen Höhepunkt der Kanadierin bildet. Den sprichwörtlichen “Kloß im Hals” schiebt sie wahrlich in den Mund der Betrachter.Die Interpretation des Stoffes wird in verschiedene Richtung wandern. Welche Figur letztendlich das Mitgefühl bekommt, hängt alleine vom Zuschauer ab. Der Regisseur lässt eine bedrückende Frage im Raum stehen. Wie wir uns letztendlich entscheiden, liegt an uns selbst.

Fazit: “Mommy” ist, wie es mit der wunderbaren Musik Ludovico Einaudis in den Schlüsselminuten im Film ausdrückt, eine “Experience”, die mit dramatischer Tiefe erschüttert. Das 1:1-Format in zusammenpsiel mit dem variablen Bildkader erweist sich als exzellentes Inszenierungsmittel mit einer gewaltigen Wirkung auf die Gefühle des Publikums, die Besetzung ist perfekt, und die mit Musik ausgestatteten Sequenzen vereinen Freude und Trauer zu einem Gesamtkunstwerk. Zu einem Gesamtkunstwerk, das man nicht verpassen sollte.

Bewertung: 9/10
Genre: Drama, Tragikomödie
Laufzeit: 139 Minuten
FSK: Ab 16 Jahren

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