Flucht in Ketten
100/100

Filmkommentare (1)


Beitrag schreiben


8martin
25.05.18 - 19:11
Es ist nicht nur Stanley Kramers bester Film, sondern auch einer seiner mutigsten. (1958 klare Position bezüglich der Rassenfrage.)
Oberflächlich betrachtet ist es die am Ende missglückte Flucht zweier Häftlinge: eines Weißen, Joker (Tony Curtis) und eines Farbigen, Noah (Sidney Poitier). Sie werden von den Behörden gejagt (Sheriff, Theodore Bikel) und einem Spezialkommando unter Captain Gibbons (Charles McGraw).
Auffällig ist das hohe Niveau der Dialoge, in denen die Häftlinge sich von ihrer Vergangenheit oder von ihren Träumen erzählen. Die Diskrepanzen beim Suchtrupp sind da eher zum Schmunzeln geeignet.
Entscheidend ist die Rassenfrage, die hier nicht nur diskutiert wird, sondern die Akteure die Erkenntnis gewinnen lässt, dass ein Gegeneinander nichts einbringt und die Vorurteile totaler Unsinn sind. Bis es soweit ist, prügeln sich Joker und Noah die Seele aus dem Leib, retten sich gegenseitig das Leben. Und auch als sie die Kette (dt. Titel!) durchtrennt haben, besteht zwischen ihnen weiterhin ein unsichtbares menschliches Band.
Die Flüchtlinge durchlaufen in ihrem Freiheitsdrang drei Stufen der Prüfung, die die Spannung wachsen lassen. Erst werden sie in einer kleinen Siedlung gefangen. Mit knapper Not entkommen sie der Lynchjustiz. Dann finden sie Zuflucht auf einer abgelegenen Farm. Die alleinlebende Mutter (Cara Williams) ist für Joker eine verlockende Herausforderung. Doch als sie Noah belügt und ihn allein in die Sümpfe schickt, folgt ihm Joker. Ein rettender Zug fährt in der Nähe vorbei. Joker schafft es nicht aufzuspringen. So erwartet der verletzte Joker in Noahs Armen, der einen alten afroamerikanischen Worksong singt, den Sheriff.
Was für ein grandioses Ende, Zuschauer und Akteure haben an Erkenntnissen gewonnen. Niveauvolle Spannung mit darstellerischer Spitzenleistung. Oscar wäre angebracht gewesen.

Antwort abgeben