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So soll intelligentes Kino sein: Nicht belehrend, sondern aufklärend; nicht linear, sondern mannigfach – mannigfach im Aufzeigen von Denkmöglichkeiten
Kritik von ( 238 ) am 17. 07. 2012 2 Kommentare
„Ich will, dass du jeden Tag zu mir kommst – ich werde dein persönlicher Geschichtslehrer“ sagt ein schwarzer Doktor zum jungen amerikanischen Neonazi Danny (Edward Furlong). Sein Bruder Derek (Edward Norton), der wegen eines rassistischen Verbrechens im Gefängnis sitzt, ist sein großes Vorbild.

American History X zeigt ein komplexes Zusammenspiel von Rassenhass, Vernunftappellen, und nicht zuletzt von vermeintlichen Vorbildfunktionen. Tatsächlich ist letztgenannter Punkt der Schlüssel zum Film, denn der Handlungshorizont der Protagonisten wird zu einem guten Teil von dieser Perspektive bestimmt.

Die Perspektiven der Hauptcharaktere ändern sich mit der zeitlichen Abfolge. Dabei ist der jüngere, Danny, immer einen Schritt hinter seinem älteren Bruder. Wurde Derek ein Nazi, so wurde Danny es auch; trotz des Gefängnisaufenthaltes von Derek bleibt der Jüngere derweilen seiner politischen „Überzeugung“ treu. Was passiert aber, wenn sich Dereks Weltanschauung in dieser Zeit geradezu diamentral verändert? So kollidieren die beiden Weltbilder – sein altes und neues – nach Dereks Entlassung in der Auseinandersetzung mit Danny. Anders formuliert: Der verwandelte Bruder möchte nun auch seinen kleinen Bruder verwandeln. Dabei hat sich Derek von selbst, „von sich aus“ geändert; mit derselben Überzeugungsarbeit versucht er nun wieder sein neues Weltbild geradewegs zu oktroyieren. Damit wird American History X zu einem anschaulichen Lehrbeispiel für die Frage nach charismatischem Führertum und banalem Mitläufertum.

Freilich, in dieser Frage geht es um Politik. Hier ist American History X keine Zustandsbeschreibung, sondern die Veranschaulichung einer Genese. Damit wird der Film zur Milieustudie über das soziale Umfeld vor (und nach) dem Abdriften in den Extremismus. Nie ist dieser Weg linear, gerade in American History X wird er erst nach heftigsten Auseinandersetzungen beschritten: An die Stelle des fehlenden Arguments tritt nun die Gewalt. Die Darstellung von Gewalt kann per se schon abschreckend genug wirken – sie steht aber hier nicht für die Verwandlung der Hauptfigur, sondern für diese steht ihr Gegenteil: Der Humor. Weniger eben stichhaltige Argumente, sondern vielmehr das bloße Darstellen des „Anderen“ als doch nicht wirklich „anders“ wirft hier eine extremistische Weltanschauung über den Haufen.
93%
Fazit:
So soll intelligentes Kino sein: Nicht belehrend, sondern aufklärend; nicht linear, sondern mannigfach – mannigfach im Aufzeigen von Denkmöglichkeiten. Wie American History X dies zeigt – nämlich mitreißend und aufwühlend –, ist in dieser Form immer noch beispiellos.

American History X


1998

Drama, Krimi

Zur Filmseite

Im Handel seit 17. 04. 2000


Kommentare (2)


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Filmosoph
18.07.12 - 18:08
Dies ist in der Tat die Schlüsselszene des Films, die Eskalation.

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eichi
18.07.12 - 08:19
wirklich toll geschriebene kritik, markus.
wann immer ich an diesen film denke, fällt mir die szene mit dem gehsteig ein... unglaublich brutal und kompromisslos. edward norton hat hier wirklich eine tolle leistung abgeliefert.

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