Der Prozess


1962

Krimi, Drama, Fantasy, Mystery, Thriller

Zur Filmseite

Im Handel seit 20. 09. 2012


90%
Welles‘ Handschrift ist wieder – und zum Glück – unverkennbar augenfällig. Ein surreales Meisterwerk
Kritik von ( 238 ) am 30. 09. 2012 0 Kommentare
Gerne wird behauptet, Orson Welles war seiner Zeit weit voraus. Er selbst zählte sich zu der „Sorte“ von Filmemachern, die „keine“ anderen zeitgenössischen Werke ansehen, um die eigene Vision nicht zu beeinflussen, nicht zu verwischen. Wohl auch anhand dieser die Moden ignorierenden „Arbeitsweise“ schuf er den ewigen Klassiker Citizen Kane, der bis heute in vielerlei Hinsicht unerreicht geblieben ist. Wie sieht es aber mit den anderen, weniger bekannten Werken von Welles aus, zu denen sein autobiographisch angehauchtes Werk Der Prozess gehört?

Welles‘ Handschrift ist wieder – und zum Glück – unverkennbar augenfällig. Das 1962 erschienene und von der Kritik größtenteils negativ aufgenommene Werk braucht sich aber vor den anderen Welles-Klassikern wie Im Zeichen des Bösen nicht zu verstecken, im Gegenteil: Die Licht- und Kameraarbeit sucht abermals seinesgleichen. Die mit geringer Brennweite ausgestatteten Kameras fangen in den langgezogenen, dynamischen Szenen sprichwörtlich alles ein, was ein Objektiv überhaupt einzufangen vermag: Riesige Bürohallen, kalte Maschinerien, dann wieder wuchernde Barockbauten, und das alles mit einem fokussierten Blick fürs Detail. Nicht zuletzt ist auch die „Koffer-Szene“ zu nennen, die sage und schreibe 3 Minuten und 36 Sekunden ohne einen einzigen Schnitt auskommt. Mit dem Prädikat „visionär“ sind diese Bilder wohl am treffendsten zu beschreiben.

Die Handlung soll dabei nicht ins Hintertreffen geraten, vor allem, weil es sich um die Verfilmung des Kafka-Romans Der Process handelt. Welles‘ Interpretation ist dem Buche nun nicht in jeder Hinsicht treu, es wurde eben Welles‘ distinktiver Prozess daraus. Im Mittelpunkt steht aber buchgetreu Josef K. und dessen Fall, die mysteriöse „Unter-Arrest-Stellung“. K.s Verstrickungen mit einer ominösen Justizbehörde offenbaren in erster Linie aber dessen innere Unsicherheit. Die suggestiven Bilder und der geniale, minimalistische Einsatz der Musik erzeugen eine überaus bedrückende, an Depression grenzende Stimmung. Ein immer wieder kehrendes Topos bei Welles‘ Autorenarbeiten, die Einsamkeit, wird in Der Prozess grandios strapaziert. Die Deutung ist dann auch eher im Innenleben von K. zu suchen: Der Film zeigt keine alternative Realität, er zeigt einen Alptraum.

Fazit
Mit visionären Bildern zeichnet Orson Welles einen klaustrophobisch-düsteren Alptraum eines Mannes, der mehr an den eigenen Ängsten, als den äußeren Umständen zerbricht. Letztere sind bis heute ein Fundus reichhaltiger Metaphorik. Der Prozess bricht auch gegenwärtig noch mit den cineastischen Sehgewohnheiten, was – im günstigen Fall – den Schluss zulässt, dass Welles auch der heutigen Zeit noch einen Schritt voraus ist. Der Prozess, jedenfalls, ist ein surreales Meisterwerk.

85%

Bildqualität


Bildformat: 16:9 - 1.66:1

Das Bild wurde sehr gut auf die Blu-ray transferiert und weist für das Alter des Films eine bemerkenswerte Schärfe auf. Freilich ist hie und da eine Körnung auszumachen, auch die Kontrastwerte schwanken, aber insgesamt liegt ein durchgängig stimmiges Bild vor. Man glaubt es gerne, dass aus dem vorliegenden Filmmaterial das Maximum heraus geholt wurde.
42%

Tonqualität


Folgende Tonspuren können ausgewählt werden:
● Englisch (Originalton) Mono DTS-HD MA
● Deutsch Mono DTS-HD MA
● Französisch Mono DTS-HD MA

Leider kann der Ton (in allen Tonspuren) nicht mit der Bildqualität mithalten. Die hervorragende Musik kommt bei den Mono-Tonspuren kaum zur Geltung, auch die Dialoge sind zum Teil schwer verständlich. In der deutschsprachigen Version wurden nicht alle Szenen synchronisiert, hier hört man den Originalton mit automatisch eingeblendeten Untertiteln.
85%

Bonusmaterial


● Welles, Kafka und Der Prozess
● Orson Welles, Lichtarchitekt
● Tempo Profil: Orson Welles
● Interview mit Steven Berkoff
● Geschnittene Szene
● Trailer

Das phänomenale Kernstück des Bonusmaterials ist der Kurzfilm Tempo Profil: Orson Welles. Hier erzählt Welles wortgewandt, geistreich und witzig über eine halbe Stunde von den (damaligen) Schwierigkeiten, in den USA einen Film zu drehen, seinen Visionen und Enttäuschungen. Das Genie in Reinkultur.
Die anderen Boni fallen demgegenüber zwar deutlich ab, runden aber insgesamt das positive Bild stimmig ab.

Kommentare (0)


Beitrag schreiben