HIDE
Ein gutes Buch in neue Medien verwandelt"
Kritik von ( 95 ) am 28. 05. 2015 1 Kommentar
Man hat das Gefühl ein Buch zu lesen. Genau das hatte ich irgendwie schon erwartet. Die Story beginnt sehr langsam. Ganz behutsam wird der Zuschauer Stück für Stück in das Leben des Monsieur Gold eingeweiht. Dieser kam nach dem Tod seines Vaters aus New York um in Paris sein Erbe anzutreten. Eine große Wohnung mit Garten, mitten in der Hauptstadt Frankreichs. Gold ist finanziell am Ende. Das letzte bisschen Geld ging für den Flug drauf.
Da sitzt er nun in seinem Erbe. Bei ihm eine 90jährige Mieterin - mit Wohnrecht auf Lebenszeit. Ein kurioser Kaufvertrag stellt Monsieur Gold vor eine Herausforderung. Die Mieterin ist nämlich nicht nur dauerhafter Bestandteil seines Erbes, außerdem darf der Besitzer der Wohnung der Hausbesetzerin auch noch eine monatliche Abzahlung zukommen lassen. 2400 Euro bis ans Lebensende. Eine Art Mietkauf.
Doch die alte Lady ist nicht alleine, sie hat noch ihre Tochter an ihrer Seite, die im selben Alter ist, wie Monsieur Gold, dessen Vater offenkundig eine Affäre mit der alternden Hauptmieterin unterhielt.

Diese Punkte verbinden nun unsere drei Hauptfiguren. Dabei erfahren wir nach und nach die Geschichten und die Lebenswege der Protagonisten. Jeder hat zwar einen eigenen Leidensweg, jedoch fügen sich ihre Leben zusammen. Sie tragen Verantwortung für die Vergangenheit und beginnen diese aufzuarbeiten, zu intensivieren und zu optimieren.

Wir bekommen hier eine hochwertige Schauspielkunst präsentiert. Der gesamte Film wird von drei Charakteren getragen, die uns zu jeder Zeit auf dem Bildschirm begegnen. Jeder Akteur liefert hier eine brillante Glanzleistung ab.
Kevin Kline ist mir besonders aufgefallen. Eigentlich sehe ich ihn gern in witzigen Rollen, er legt immer eine Leichtigkeit in seine Schauspielerei, die seine Spielweise einzigartig macht. Genau diese Eigenschaft kommt diesem anspruchsvollem Film zugute. Fantastisch.
Kristin Scott Thomas bringt ihre Natürlichkeit ein. Liebenswert füllt sie ihre Rolle mit Leben. War sie mir zuvor noch eher unbekannt, werde ich sie wohl nun in Erinnerung behalten.
Maggie Smith überbietet sie jedoch noch alle. Durch und durch professionell. Schauspielkunst der ersten Garde. Sie ist einfach grandios und macht die Sichtung zu einem ganz besonderen Genuß.

Die Handlung ist recht einfach gehalten. Zu Beginn undurchsichtig, dann wird nach und nach das Geheimnis gelüftet. Es entsteht ein sehr emotionales Familiendrama, was dem Film einen gewissen Wert verleiht. Obwohl das Werk sehr behäbig vorangeht, fehlt es mir dennoch an der notwendigen Tiefe. Einzelne Passagen im Leben der jeweiligen Personen werden zu schnell abgehandelt. Beispielsweise der Moment, in dem der Tod der Mutter vom leidgeplagten Mathias Gold zur Sprache kommt, da fehlt es mir explizit an Emotionen. Nur alleine darüber zu reden und ein kurzer Moment der traurigen Erinnerung reicht nicht aus. Es ist zufriedenstellend für die Aufklärung und zur Unterstützung der Frage, warum Monsieur Gold genau so wurde, wie er ist - aber nicht um den Zuschauer einzubeziehen.
Was mir ebenfalls nicht zusagt ist das Ende. Es werden schnell noch ein paar Dinge abgehandelt und schon bleibt der Rest der Fantasie überlassen. Ein Mittel was oft erfolgreich ist, aber in diesem Falle, wird auch hier zu wenig die Richtung vorgegeben. Da wartet man den gesamten Film über auf ein HappyEnd, bzw auf die Antworten und sobald man die Gewissheit hat das es sich finden wird, da ist auch schon der Abspann zu sehen. Hier täten ein paar wenige Minuten Filmlänge dem Werk sicherlich einen guten Gefallen.

Ein Filmgenuß ist diese filmische Leistung dennoch. Cineasten die auch ein Auge für die Darbietungen entwickelt haben, werden hier auf ihre Kosten kommen. Kaum etwas erinnert hier noch an einen Film. Zumeist scheue ich den Vergleich zum Theaterstück oder zum Buch. Hier jedoch ist es einfach angebracht. Es ist geradezu ein filmisches Theaterwerk. Nicht nur die Handlung entspricht dem, sondern eben auch die hochwertige Schauspielerei, die man einfach nur loben kann. Wer daran Kritik zu finden vermag, der möge mir diese bitte einmal näherbringen. Eine Diskussion wäre mir willkommen.
Da haben wir auch gleich wieder den nächsten gemeinsamen Nenner. Stichwort:Buchbesprechung.
"My Old Lady" läd dazu ein, im Nachhinein über die Story zu sprechen. Die Eindrücke und die Interpretationen mit anderen Filmfans zu teilen. Eine andere Sichtweise zu erfahren und weitere Gedanken auszutauschen. Auch hier kommt man wieder nicht über das Gefühl hinweg, ein Buch gelesen zu haben.

80%
Fazit:
Wir haben mit "My Old Lady" einen Film mit einer anspruchsvollen, emotionalen Geschichte. Absolut kein Werk, das man mal zwischendurch schauen kann. Er ist wertvoll - das steht außer Frage. Der Vergleich mit einem guten Buch lässt mich nicht los. Hätte ich bereits im Vorfeld gewusst, was mich für ein Film erwartet, dann hätte ich ihn für einen besonderen Abend aufgehoben. Einem Abend, den ich genießen wollen würde. Nach einem guten Tag mit einem Glas Whiskey. Einem Abend an dem ich abschalten will und mit einem gutem Film abschliessen. Man muss mitdenken, man muss aufpassen, man muss bereit sein sich fallen zu lassen und offen dafür, sich mit der Figur des Mathias Gold emotional zu verbinden. Dann - und wahrscheinlich nur dann - bekommt man hier einen Film, der wirken, unterhalten und begeistern kann. Es ist kein Unterhaltungsfilm. Kein Film für jede Gelegenheit oder gar gegen Langeweile. Es ist ein Werk, das nur dann Freude bereitet, wenn man die richtige Gelegenheit erwischt und den notwendigen Anspruch mitbringt. Meine Empfehlung daher: Den Film erwerben und ins Regal stellen, damit er griffbereit ist, wenn die richtige Stimmung sich zeigt. Genau dann ist er grandios.

My Old Lady - Eine Erbschaft in Paris


2014

Komödie, Drama, Romanze

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Im Handel seit 05. 05. 2015


80%

Bildqualität


Bildformat: 16:9 - 2.35:1

Das Bild ist nicht gut oder schlecht, es ist einfach so, wie man es erwartet. Jeder Cineast hat mittlerweile einen gewissen Anspruch an die Technik und an die Qualität. Man bezahlt dafür, das eben diese Erwartungen zumindest erfüllt werden.
Die Bildqualität zielt nicht mehr auf Röhrenfernseher ab, sondern auf große Flachbildgeräte. Mit "My Old Lady" hat man keinen Actionreißer erworben, keine bildgewaltigen Naturaufnahmen, keine schnellen Szenenwechsel oder ähnliches. Daher kommt es auf die Details und den Transport der Stimmungen an. Die Kameraführung, die Farbtiefe und die Schärfe sind hier konsequent gut abgestimmt und erfüllen genau diese Kriterien.
80%

Tonqualität


Wie schon bei der Bildbesprechung ist auch der Ton angepasst gut. In Deutsch (Dolby Digital 5.1) und ebenfalls Englisch (Dolby Digital 5.1) erhalten wir eine solide und gradlinige Vertonung, dem Werk angemessen. Da weder Special-Effects oder ein monumentaler Backgroundsound vorhanden ist, erfüllt auch der Ton den Anspruch des Zuschauers. Eine Heimkinoanlage ist nicht erforderlich, der TV-Lautsprecher bringt einen in die notwendige Stimmung und leise, langsame Dialoge tun ihr übriges. Eine angemessene, leisere ... oder sagen wir ruhigere Lautstärkeregelung ist empfehlenswert.
0%

Bonusmaterial



Kommentare (1)


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Filmfreak

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20.10.15 - 14:24
Liest sich wirklich fein, diese Besprechung hierzu. Actress Kristin Scott Thomas und auch Kevin Kline sind immer einen Blick wert. Maggie Smith ohnehin.

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