HIDE

90%
Kritik von ( 286 ) am 31. 05. 2011 6 Kommentare
Am vergangenen Wochenende kam ich nun dazu, den Director’s Cut (Mammutprojekt) mit einer Gesamtlaufzeit von 330! Minuten mir anzusehen. Da ich im Vorfeld nur positive Dinge über den Film gelesen und gehört habe, waren meine Erwartungen relativ hoch bei dieser Produktion.
Wurden sie aus meiner Sicht aber auch erfüllt? Mehr darüber in meinem Review.

Ilich Ramírez Sánchez den Menschen und der Welt besser bekannt als Carlos der Schakal, einer der meistgesuchtesten Top-Terroristen in den 70er und 80er Jahren. Er prägte wie kein Anderer zu dieser Zeit den Terror und machte daraus ein lukratives Geschäft. Gleich zu Beginn dieser Produktion bekommt der Zuschauer (wie aus dem Nichts), die Thematik dieses Biopics vor Augen geführt und was auf ihn im weiteren Verlauf des Filmes zukommen wird: Bombenanschläge, Tote, Gewalt, Panik und Terror!
1975 bekannte er sich zu dem Anschlag auf den OPEC-Hauptsitz in Wien bei dem es ebenfalls nicht zimperlich zur Sache ging. In den darauffolgenden Jahren überschattete er mit seinen Terroranschlägen als kaltblütiger Killer die Welt und verschaffte der Volksfront zur Befreiung Palästinas Gehör und bereitete somit sein Vermächtnis vor an das man sich noch lange in der Geschichtspolitik erinnern sollte.

Trotz dass er sich mit seiner eigens neu gegründeten Organisation zu diversen Attentaten bekannte, schaffte er es immer wieder unterzutauchen und so der Justiz und den Behörden ein weiteres Schnäppchen zu schlagen. In den chaotischen Verhältnissen der 80er Jahre stieg er zunächst zum Söldner auf, der für den Meistbietenden diverse Bluttaten verrichtete. Fotos von ihm gab es meist nur sehr wenige, diese zeigen immer wieder nur ein Mann mit einer Sonnenbrille. Sein erwirtschaftetes Vermögen durch Terroranschläge, Erpressungen und Waffenhandel gab er für teure Luxushotels aus in denen er immer wieder untertauchen konnte. Frauen hatte er viele, nicht nur eine, er nahm sie sich wann und wo immer er wollte, ohne Rücksicht auf Verluste. Carlos machte sich das weibliche Geschlecht stets hörig, immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht, nutze er die Frauen aus. Bei seinen politischen Fähigkeiten nutze er sehr geschickt seine politischen Kontakte im Osten als auch im Westen und lies quasi die Supermächte der damaligen Zeit für sich arbeiten, dabei schützten ihn auch diverse Ostblockstaaten, die natürlich auf ihren eigenen Vorteil durch Carlos aus waren.
Mit dem Verlauf der Jahre wurde Carlos langsam aber sicher müde und sein terroristisches sicheres Gespür verließ ihn und somit auch seine loyalen Unterstützer und Partner in der Weltpolitik. Carlos der Schakal wollte man nun als blutbeflecktes Relikt des kalten Krieges möglichst schnell und unauffällig loswerden...

Über Ilich Ramírez Sánchez gibt es weitaus mehr zu berichten und nachzulesen, als die Dinge welche hier nur kurz meine Erwähnung gefunden haben, doch dies würde den Rahmen meines Reviews eindeutig sprengen!

Nun zu der Beantwortung meiner Frage:
Jawohl, die hohen Erwartungen erfüllte dieses Biopic auf alle Fälle. Zugegeben bei einer Laufzeit von 5,5 Stunden (DC) war meine größte Befürchtung, dass dieses Werk unnötige Längen vorzuweisen hat und somit für den Cineasten in die Mittelmäßigkeit abzurutschen drohte. Keine Frage, dieser Film besitzt durchaus ein paar Längen, gerade im ersten Teil, doch diese halten sich in Grenzen, somit gibt es von mir hier ganz klar eine Entwarnung.
Auf der anderen Seite, würde man mit einer kürzeren Laufzeit der Person Ilich Ramírez Sánchez mit Sicherheit nicht gerecht werden, von daher bin ich als Cineast sehr froh darüber, dass der Director’s Cut den Weg auf die Discs bei der Heimveröffentlichung gefunden hat und man der Person Carlos ausreichend Zeit bei seiner Betrachtung zur Verfügung gestellt hatte. Auf der Vierer- bzw. Dreier-Disc-Set-Variante ist optional noch die Kinofassung enthalten – sehr schöne Sache für die Cineasten!

Der Regisseur Olivier Assayas hatte für diese Inszenierung ein ausreichend großes Budget und auch jegliche Freiheiten für dieses Werk zur Verfügung. So zeigt diese Inszenierung möglichst authentische Bilder, wechselt bei den Ereignissen immer wieder auf Archivmaterial zurück und zeigt diese in Bildern und Interviews so wie man sie aus der damaligen Zeit von TV und Rundfunk kannte. Vieles musste Olivier Assayas auch frei interpretieren, da über einen solch langen Zeitraum über Ilich Ramírez Sánchez teils nur sehr wenig bis nichts bekannt war, auch dies wurde hier sehr gut gelöst und so schaffte er es immer wieder ein interessantes und eindrucksvolles Bild über die Hauptdarsteller abzugeben.

Die Besetzung hat mir ebenfalls sehr gut gefallen, selbst bis in die kleinsten Nebenrollen wunderbar besetzt mit deutschen Schauspielern. Hauptdarsteller Édgar Ramírez (»Das Bourne Ultimatum«) stammt ebenfalls aus Caracas / Venezuela, wie der 'reale' Carlos. Er gab ein beeindruckendes und zugleich höchst interessantes Bild von diesem Terroristen ab, auch wenn er für diese Produktion einiges an körperlichen Torturen über sich ergehen lassen musste (ist im Film auch sehr schön zu sehen), so lieferte er hier doch eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab, dem man den Carlos zu jeder Minute des Filmes problemlos abnimmt.

Erwähnung muss auch noch finden, dass es sich hierbei um keine Actionorgie im Hollywoodstil handelt! Ja, es kommen diverse relativ authentische kürzere Actioneinlagen vor, das Hauptaugenmerk liegt aber ganz klar auf der Person Ilich Ramírez Sánchez, seinem Werdegang als Mensch, Terrorist sowie seiner politischen Gesinnung. Wer mit den politischen Gepflogenheiten aus der damaligen Zeit wenig bis nichts anfangen kann, wird an diesem außergewöhnlichen Film keine große Freude finden.

Fazit:
Dieses Werk liefert dem Cineasten einen Blick hinter die Bühne des internationalen Terrorismus des nahen Ostens der 70er und 80er Jahre bis zum Zusammenbruch des Kommunismus und ist für alle Filmfans eine Empfehlung und Sichtung wert, die sich einmal die politischen Gegebenheiten zu der damaligen Zeit nochmals vor Augen halten möchten.
Eines sollte man allerdings bei dem DC mitbringen: viel Zeit und Sitzfleisch

90%

Bildqualität


Bildformat: 2,35:1 (1920x1080p / 16:9)

Die Qualität des Bildes schwankt eindeutig von einem relativ groben Filmkorn über ein sehr detailliertes und scharfes Bild, da bei dieser Produktion ebenfalls mit Archivmaterial gearbeitet wurde. Keine Angst wehrte Filmfreunde, dies war bei der Produktion beabsichtigt und verleiht diesem Werk mehr Authentizität und Flair zu dieser Epoche, außerdem störte es mich nicht im Geringsten, nein es gefiel mir sogar sehr.
Die Farben sind sehr kräftig und bunt ausgefallen, auch dabei gibt es nichts daran auszusetzen. Am Schwarzwert konnte ich ebenfalls keine Mängel feststellen. Bildrauschen konnte ich auch keines ausmachen.
Der Thematik entsprechend findet der Filmfreund hier ein sehr gutes und schönes Bild vor. Daher gibt es von mir für das Bild die beinahe volle Punktzahl.
90%

Tonqualität


Auf den Discs befindet sich die DTS-HD Master Audio 5.1 Tonspur in Deutsch, sowie in der Originalfassung (Französisch, Spanisch, Englisch, Arabisch) mit deutschen Untertiteln.
Der Ton ist klar und deutlich. Der Bassbereich wurde ebenfalls sehr gut gewählt. In den wenigen actionlastigen Szenen bieten die BD’s einen sehr guten räumlichen Klang ebenso bei den Musikuntermalungen, ansonsten nimmt der Zuschauer das Geschehen meist nur über die Frontboxen war, die 'hinteren' Boxen halten sich dabei dezent zurück. Einigen Filmfans wird die deutsche Synchronisation (gerade bei Carlos Helfern) vielleicht etwas aufstoßen, aber auch hier spricht die Auswahl der Synchronsprecher eindeutig für die Authentizität dieser Produktion.
Auch beim Ton konnte ich keinerlei technische Mängel feststellen.
70%

Bonusmaterial


Das Bonusmaterial beinhaltet die Interviews mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern, diverse Kinotrailer und TV Spots. Für solch eine Mammutproduktion fallen die Extras evtl. etwas bescheiden aus, sind aber dennoch solide und besser so, als wenn gar keine Extras auf die Scheiben gepackt worden wären.
Die Biografien der dargestellten Personen in schriftlicher Form hätte man m. E. noch mitaufnehmen können, dies aber nur am Rande.

Kommentare (6)


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Filmfreak

Filmfreak


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01.06.11 - 18:46
Danke schön, Daniel.
Hast Du die Kinofassung oder den Director's Cut dazu gesehen?

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Jason

Jason


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01.06.11 - 18:40
kann deiner kritik nur zustimmen, ruben. toller film trotz der ein oder anderen längeren passage

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Filmfreak

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4.460
01.06.11 - 11:55
Auf alle Fälle, Jürgen.

Gerade in Anbetracht der Tatsache, mal wieder eine tolle Produktion zu sehen abseits des Mainstreamkinos à la Hollywood.

Eine sehr gut gemachte Inszenierung aus meiner Sicht.

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eichi

eichi


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01.06.11 - 11:52
da scheint sich das gute "sitzfleisch" ja ausgezahlt zu haben, ruben!

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Filmfreak

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31.05.11 - 17:04
Auf alle Fälle, Rene!
Ist wirklich ein sehr gelungener Film seiner Art, einmal ganz Abseits des Mainstreamkinos!

Wie schon in meiner Rezi beschrieben, hat er durchaus auch seine Längen, diese hielten sich für mich allerdings in Grenzen.

Ich wünsche Dir genau so viel Spaß wie mir während dieser Sichtung. :P

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RandyFisher

RandyFisher


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31.05.11 - 17:02
Das freut mich doch, dass der Film anscheinend so gut ist. Bei mir steht nämlich auch noch eine Sichtung des DC an, nur bin ich wegen der Länge bisher leider nicht dazu gekommen. Aber da darf ich mich ja auf was Tolles freuen.

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