HIDE

0%
Kritik von ( 307 ) am 06. 06. 2011 10 Kommentare
Kaum einen Quadratmeter Platz bieten die Deportationszüge der Nationalsozialisten ihren jüdischen Gefangenen, die in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gebracht werden. Die Meisten von ihnen werden kurz nach ihrer Ankunft ermordet. Kinder, Frauen, Männer. Senioren, Jugendliche, Heranwachsende. Niemand, der nicht in der Lage ist zu arbeiten, wird verschont. Der Holocaust fordert mehr als 6. Millionen Menschenleben und ist eines der grausamsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit. Die einzige Prävention, um so etwas nicht noch einmal zu ermöglichen, ist die Aufrechterhaltung der Fakten und der Erinnerungen. Geht es nach Uwe Boll, wüsste heute kaum einer mehr, was sich zwischen 1933 und 1945 ereignete. Er wolle mit seinem Film »Auschwitz« den Alltag im KZ dokumentieren und seinen Zuschauern Empathie für das Leid der damaligen, aber auch der heutigen Opfer entlocken – Massaker finden nach wie vor statt, erklärt er, und es werde hinweggesehen. Das dürfe nicht geschehen. So ehrenwert seine Ambitionen sein mögen, so demütigend ist die vorliegende Doku in jeder Hinsicht.

“Hitler war Tscheche. Oder?“

Wenn Boll behauptet, über aktuelle Massenmorde und Vertreibungen werde hinweggesehen, kommt man nicht umhin, ihm zuzustimmen. Allein in Darfur wurden mehr als 200.000 Menschen getötet und mehr als das Vierfache deren vertrieben. Blauhelme waren zwar dort, durften aber nicht einschreiten. Mit derlei anfänglichen Erkenntnissen, die – wie gesagt – ihre Richtigkeit haben, vermag Boll uns auf die falsche Fährte zu locken. Denn daraus lässt sich nicht schlussfolgern, dass er als derselbe Wahrheitstreue an »Auschwitz« gearbeitet hat – obwohl er es allzu gerne vorgibt. Dass man heute oft nicht mehr wisse, was zur Epoche von Hitlerdeutschland geschehen ist, ist zum Beispiel keine Wahrheit, sondern eine Behauptung. Als wisse er um diese Ansicht, sucht er einen Beweis zu finden – und findet ihn in Hauptschülern, denen er Suggestivfragen stellt, bis er schließlich die für ihn richtigen Antworten erhält. Hitler wird schnell zum Tschechen erklärt, der „so 6.000 Juden“ tötete, weil diese keine blonden Haare hatten. Abgesehen davon, dass kaum einer der Jungs und Mädchen einen vernünftigen Satz zustande bringt, ist es offensichtlich, dass sie grundsätzlich keine Ahnung haben und Opfer eines zweifelhaften Schulsystems sind; ihre spezifischen Wissenslücken entstanden nicht aus Mangel an Interesse, wie Boll uns weismachen möchte, sondern aus einem generellen Bildungsmangel, für den sie nichts können. Boll jedenfalls nutzt ihre Ahnungslosigkeit als Rechtfertigung für seinen Film, der Licht in das Dunkle bringen soll.

Er beginnt mit der Deportation von Gefangenen der Nationalsozialisten in das KZ Auschwitz-Birkenau. Die Zugwagons sind überfüllt, die Menschen haben nicht genügend Freiraum, um sich auch nur ein paar Zentimeter drehen zu können. Im Lager warten indes die bewaffneten Nazis, die nach Ankunft der Züge deren Insassen mehr oder weniger systematisch selektieren. Wer noch zum Arbeiten taugt kommt weiter, wer nicht, wird entweder auf der Stelle erschossen oder in die „Dusche“ geschickt. Boll gab an, besonderes Augenmerk auf die Beiläufigkeit legen zu wollen, mit der die Wärter ihre „Arbeit“ verrichteten, wie sie mordeten, wie sie über Leben und Tod entschieden und wie gleichgültig sie dabei waren. Stattdessen zelebriert der Regisseur und Drehbuchautor jeden Mord nahezu feierlich: SS-Leute, die Kindern eine Waffe an den Hinterkopf halten und abdrücken, während die Kamera das Geschehen munter fokussiert und die Geschwindigkeit auf Zeitlupe wechselt. Später werden die Ersten im vermeintlichen Duschraum vergast und diese Inszenierung erweist sich als entwürdigend und höhnisch: Der Kameramann positioniert sich inmitten der nackten Menschen, die husten, schnaufen, schreien und schließlich tot umfallen. Boll selbst spielt übrigens einen Wärter, der es sich vor der Gaskammer wortwörtlich gemütlich macht. Seine Kollegen unterhalten sich derweil über ihre eigenen Kinder und die Zukunft – ganz so, als gehöre ihr Tun zur Normalität. Die seltenen und inhaltsschwachen Gespräche zwischen den Nazis entsprechen am ehesten dem, was »Auschwitz« darbieten will oder wollte: Sie zeigen die Emotionslosigkeit der Wärter, die ihrem Auftrag nachgehen, als seien sie Fließbandarbeiter – sie tun, wie ihnen befohlen. Der Inhalt fehlt trotzdem, denn es gibt weder die Möglichkeit, einen emotionalen Bezug aufzubauen – zu den Tätern ebenso wenig wie zu den Opfern – noch eine wirkliche Handlung.

Eine Beleidigung

Aufgrund der wissensarmen Schüler, die am Anfang eingeblendet und als Filmgrund missbraucht werden, müssen und können wir davon ausgehen, dass »Auschwitz« bilden möchte. Lücken schließen, wachrütteln. Daher die Frage: Sind wir, am Filmende angelangt, schlauer als vorher? Wissen wir mehr über die Konzentrationslager, die jüdischen Gefangenen, die Nazis oder die Historie? Nein. Es werden nämlich keine Fakten aufgezählt, keine historischen oder politischen Hintergründe erklärt, es gibt noch nicht einmal eine versuchte Erklärung darüber, weshalb die Menschen vergast und erschossen wurden. Gar nichts. Es passiert einfach. Noch schlimmer als die Kameraführung und das Drehbuch sind nur die Darsteller, insbesondere die Komparsen, die von Schauspiel so viel Ahnung haben wie Arnold Schwarzenegger von Monogamie. Die Szenen, die zu Tränen rühren und dem Zuschauer Mitgefühl entlocken könnten – wie z.B. die Vergasungen -, sind derart schlecht gespielt, dass sie diejenigen, die damals tatsächlich ihr Leben lassen mussten, geradezu verspotten. Damit ihr euch eine Vorstellung des Niveaus machen könnt: Wenn ihr schon einmal ein Kind erlebt habt, das etwas tun soll, das es nicht möchte und euch dann ein sprichwörtliches Theater vorspielt, damit ihr nachgebt – genau das ist die Qualität der Leute, die hier mitwirken. Unglaubwürdig, lächerlich und eine Schande.

Als wisse Boll um die minderwertige Leistungsbereitschaft seiner Mitarbeiter, integrierte er Ausschnitte verschiedener Originalaufnahmen in seinen Film so, als wolle er sie mit seinem hier verzapften Blödsinn gleichsetzen. Von den Alliierten gefilmte Leichenberge im KZ oder Adolf Hitler, der vor den Massen spricht und brüllt beispielsweise. Da ist kein roter Faden, keine Geschichte, kein Zusammenhang – wirr hineingeschnittenes Zeug, das den Eindruck hinterlässt, nur Eindruck hinterlassen zu wollen. Von einer Dokumentation ist »Auschwitz« demnach meilenweit entfernt, genauso weit, wie er von einem guten Film, einer guten Historienbeschreibung oder sonst etwas Vernünftigem entfernt ist.

Die Krone wird dem Titel jedoch erst zum Schluss aufgesetzt, da kommen nämlich wieder Schüler zu Wort. Diesmal sind es Gymnasiasten, die Boll ins offene Messer laufen. Im Gegensatz zu den Jugendlichen am Filmanfang strotzen sie vor Wissen. Sie schildern detailliert historische Ereignisse, sprechen über die Motive von Hitler, sind offenbar recht gebildet und aufgeklärt. Es ist nicht das, was sie sagen, es ist auch nicht das, was die Hauptschüler sagen – es ist die Chronologie dahinter, die die Arroganz eines Uwe Bolls widerspiegelt. Auf die unwissenden Schüler kommt der Film, dem wieder Schüler folgen – nur wissen sie diesmal etwas. Lassen Sie es sich gesagt sein, Herr Boll: »Auschwitz« ist keine Bildung, »Auschwitz« macht aus niemandem, der keinen Schimmer vom Zweiten Weltkrieg hat, auch nur annähernd einen Fachmann, »Auschwitz« transportiert nichts, »Auschwitz« ist in erster Linie Scheißdreck.

Fazit:
Respektlos, würdelos, höhnisch: Boll sollte künftig den größtmöglichen Bogen um sämtliche historischen Ereignisse machen. »Auschwitz« ist eine Beleidigung, die ihresgleichen sucht. Das Leid der Opfer wird von schlechten Schauspielern und Komparsen geradezu in das Lächerliche gezogen, von der SS verübte Morde werden feierlich zelebriert (wenn nicht sogar glorifiziert), eine Handlung, aus der sich eine Moral ziehen ließe, fehlt gänzlich. Schöne Worte von Boll, der darauf besteht, gegen das Vergessen antreten zu wollen, reichen nicht aus, um so einem Schund eine Existenzberechtigung auszusprechen.

Kommentare (10)


Beitrag schreiben


Filmosoph

Filmosoph


FILME
292

NEWS
2.151

FORUM
5.735
07.06.11 - 19:35
ich habs befürchtet...

Antwort abgeben

Chev

Chev


FILME
1.130

NEWS
861

FORUM
2.217
06.06.11 - 22:44
Eine vernichtende Kritik - aber ehrlich gesagt habe ich nichts anderes von einem Uwe Boll erwartet. Selbst B-Movie Regisseure können noch mit stolzgeschwellter Brust vor einem Herrn Boll herlaufen. Ich habe schon im Vorfeld gesagt:
Man müsste dem Boll solch einen Film verbieten.

Von daher fühle ich mich nun durch Jason nur bestätigt und man liest die unvermeidlich wütenden Emotionen klar heraus.

Antwort abgeben

kurenschaub

kurenschaub


FILME
4.686

NEWS
1.492

FORUM
661
06.06.11 - 19:10
echt schlimm und wirklich traurig!

Antwort abgeben

Filmfreak

Filmfreak


FILME
942

NEWS
5.579

FORUM
4.460
06.06.11 - 14:24
So und nicht anders schaut es aus, Jürgen!

Antwort abgeben

eichi

eichi


FILME
361

NEWS
3.342

FORUM
8.071
06.06.11 - 14:15
scheint mir nach der kritik von daniel aber mehr als verdient, vor allem, wenn man bei so einem heiklen und wichtigen thema derart ins "klo" greift...

Antwort abgeben

Filmfreak

Filmfreak


FILME
942

NEWS
5.579

FORUM
4.460
06.06.11 - 14:12
Gerade wollte ich es anmerken mit den 0 Punkten!

Antwort abgeben

eichi

eichi


FILME
361

NEWS
3.342

FORUM
8.071
06.06.11 - 14:10
nach genau 720 kritiken ist das die erste, bei der wir 0 punkte vergeben, ... und mich wundert nicht wirklich, dass es ein film ist, bei dem boll seine finger im spiel hat!

Antwort abgeben

Filmfreak

Filmfreak


FILME
942

NEWS
5.579

FORUM
4.460
06.06.11 - 14:06
Ja, für mich kam Deine Wut in dieser Rezi außerordentlich zur Geltung! So habe ich es zumindest rausgelesen.
Es ist eine Schande, dass für solch eine Produktion am Ende dann auch noch Geld zum Fenster rausgeschmissen wird!!!

Antwort abgeben

Jason

Jason


FILME
72

NEWS
258

FORUM
206
06.06.11 - 14:00
mich macht sowas nur wütend, ruben

Antwort abgeben

Filmfreak

Filmfreak


FILME
942

NEWS
5.579

FORUM
4.460
06.06.11 - 13:56
Diese Doku war wohl ein Schlag ins Gesicht, was hier filmtechnisch und inhaltlich geboten wurde?!

Mein Beileid, Daniel!

Antwort abgeben