Kritik - I Love You Phillip Morris (2010)

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Jim Carrey hat sie alle gespielt: Vom Schurken Riddler in »Batman Forever« über einen sexbessessenen Alien in »Zebo, der Dritte aus Sternmitte« bis hin zu Gott in »Bruce Allmächtig«. Auffallend waren stets seine slapstickartige Körpersprache sowie sein teilweise dämliches Grinsen, das manchmal unbezahlbar, manchmal wertlos war. Mit derselben Spielweise schickt er den schwulen Ex-Polizisten Steven Russel in »I Love You Phillip Morris« auf eine Berg- und Talfahrt und riskiert so manchen Frontalzusammenstoß.

»Den fünf Genres Horror, Porno, Melodram, Spannung und Komik entsprechen fünf Körperausscheidungen: Erbrochenes, Sperma, Tränen, Schweiß und Urin. Und jedes Genre will eine dieser Ausscheidungen herbeiführen: Das Melodram will Tränen, der Porno Sperma, der Horror das Erbrechen, die Spannung den Schweißausbruch. Die Komik will zweierlei: Entweder soll sich der Mensch vor Lachen bepissen oder Tränen lachen«, erklärte der deutsche Schriftsteller Robert Gernhardt einst. Die Regisseure Glenn Ficarra und John Requa versuchen mit ihrem neuen Kinofilm sowohl eure Blasen als auch eure Tränendrüsen zum Auslaufen zu bringen, indem sie melodramatische mit komödiantischen Szenen vermischen. Die Geschichte hinter den Film scheint sich hervorragend dafür zu eignen: Steven Russel (Jim Carrey) beschließt nach einem schweren Unfall, sein Leben radikal umzukrempeln und sein wahres Ich auszuleben. Hierfür gibt er seine Polizeimarke und seine Waffe ab, verlässt seine Frau und outet sich als Homosexueller. Im sonnigen Flordia mischt er bald darauf kräftig in Szene-Clubs mit, turtelt mit seinem neuen Freund und hält sich mit Betrügereien über Wasser - bis er im Knast landet.

das leben

Wider erwarten muss er sich dort nicht nach der Seife bücken, wird nicht verprügelt oder schickaniert, sondern findet sich in einer recht liberalen Umgebung wieder. Die Insassen tun was ihnen beliebt, den Wärtern ist alles wurscht und die Zellentüren bleiben bis zum Zapfenstreich sperrangelweit geöffnet. »I Love You Phillip Morris« versäumt es schlichtweg, atmosphärische Dichte zu schaffen, weil er sich in einer unglaubwürdig freiheitlichen Idylle vertieft. Als Steve dann auch noch Phillip Morris (Ewan McGregor) kennenlernt, wird auch der übriggebliebene Rest Authenzität durch überschwängliche Knastromantik eingatauscht. Denn dann wird nicht nur die in der Realität kaum vorhandene Freiheit gefeiert - es wird auch zu romantischer Musik gegriffen und im gedämpften Licht des Korridors getanzt. Freilich gibt es trotzdem gelegentliche Anspielungen auf die noch immer weit verbreitete Homophobie. Allerdings sind diese zum Einen so latent, dass ihr sie wahrscheinlich übersehnt und zum Anderen haben sie keinerlei Auswirkungen auf die Liebesbeziehung der beiden.

Die Drehbuchautoren haben leider viel mehr Wert darauf gelegt, Morris als 0815-Gangster in Szene zu setzen als seine Persönlichkeitsentwicklung ins Rampenlicht zu rücken. Folglich wirkt sein Charakter schnell durchschaubar, selten passiert etwas Unerwartetes. Die wenigen romantischen Szenen zwischen ihm und Phillip sind hingegen überwiegend von Leidenschaft geprägt, schön anzusehen und glücklicherweise meilenweit von tuntigen Klischees entfernt. Was die komödiantischen Elemente betrifft: Jim Carrey kommt natürlich nicht ohne seine altbekannte Slapstick-Comedy aus, was sich auf »I Love You Phillip Morris« leider negativ auswirkt. In einer Szene macht er zum Beispiel einen vermeintlich lustigen Hechtsprung von einem Haus und landet auf dem Asphalt - das zieht einfach nicht so recht. Der Film wäre deutlich besser gefahren, hätte er sich um eine ernste Darstellung bemüht. Auch Carrey hätte sicherlich einen deutlich besseren Eindruck hinterlassen, hätte er auf die Clowns-Figur verzichtet und sich um eine seriöse Darstellung seiner Rolle bemüht.

Fazit:
Die Basis stimmt: Die Geschichte ist außergewöhnlich, interessant und beruht obendrein auf wahren Begebenheiten. Aber die Umsetzung hapert gewaltig: Jim Carrey interpretiert die Hauptrolle so dürftig, dass er neben Ewan McGregors Leistung zeitweise unterzugehen scheint. Die Regisseure und die Drehbuchautoren haben viel atmosphärisches Potenzial verjubelt und sich zu sehr darauf versteift, Steven Russel als (schwulen) Kriminellen darzustellen, statt mehr auf ihn als Person einzugehen.

Wertung: 6/10

Kommentare (4)


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chredd
30.04.10 - 17:08
oh ja, mal wieder eine tolle kritik von dir daniel

also nicht der brisante film, über den wochenlang diskutiert wird (wie eins bei den homosexuellen cowboys). ich denke irgendwann werde ich mir die dvd zulegen, kino definitiv nicht

danke für die entscheidungshilfe ^^

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Joliet
30.04.10 - 15:20
Sehr schön zu lesen, danke!
Bin ebenfalls jetzt ein bisschen enttäuscht, werde ihn mir wohl aber angucken. War zu lange zu gespannt auf diesen Film.

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eichi
29.04.10 - 23:53
tolle kritik, daniel. kann mich deinen worten eigentlich zu 100% anschließen. ich würde ihm auch nicht mehr wie 6 punkte geben. leider.

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Filmfreak
29.04.10 - 21:13
Sehr schöne und ausführliche Kritik von Dir Daniel!

Leider nicht der erhoffte Knaller in diesem Bereich, schade, wirklich schade um die Geschichte, da hätte man mehr daraus machen können, wie Du es ja selbst in Deiner Kritik schon verfasst hast.

*Daumen trotzdem hoch dafür*

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