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Doku-Soaps: Die Menschen-Zoos der Neuzeit

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Ende des 19. Jahrhunderts erlebten europäische Menschenzoos Hochkonjunktur. In den Zellen wurden Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gehalten, manche litten unter körperlichen oder geistigen Behinderungen und sollten den Besuchern eine makabere Vorstellung bieten. Inzwischen gibt es sie nicht mehr - zumindest nicht in der damaligen Form. Heute werden Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche viel wirksamer ins Rampenlicht gerückt. Unter dem Deckmantel einer Doku-Soap missbrauchen Fernsehsender Hilfebedürftige, inszenieren Konflikte und scheren sich nicht um die Reaktionen, mit denen sich die Betroffenen konfrontiert sehen. Viele von ihnen werden nach der Ausstrahlung beschimpft und diskriminiert - eine Chance, dem entgegenzuwirken und ihre Sicht der Dinge zu erklären, erhalten sie selten bis gar nicht.

André Roß, der mit seiner Frau an der RTL2-Sendung »Frauentausch« teilnahm, erhielt eine solch seltene Möglichkeit. »Wir haben so viele Leute gesehen bei denen wir gedacht haben: So kann es doch gar nicht abgehen in der Realität«, sagte er dem ARD Medienmagazin ZAPP. Sie wollten zeigen, dass es auch Familien gibt, in denen es um Harmonie und Liebe geht. Der Autor und Regisseur der Sendung soll allerdings anderes vor gehabt haben: Das Paar sollte sich streiten und auch mit der Tauschfrau sollte es möglichst zahlreiche Konflikte geben. Realistisch sei das nicht gewesen. »Man kann überhaupt nicht das sagen, was man will. Wenn man es nämlich tut wird es solange gemacht, bis es so ist wie der Realisator es haben will«, fuhr Roß fort. Die Familie wurde letztendlich als streitsüchtig und zerrissen dargestellt, obwohl es wider den Tatsachen sei - aber eben die Quoten steigen lässt.

Nicht immer ist die Manipulation offensichtlich

Auch Mario Holländer ließ sich mit seiner Frau für »Frauentausch« filmen. Als er merkte, wie seine Familie dargestellt werden soll, soll er das Kamerateam kurzerhand aus dem Haus geworfen haben. Doch da habe RTL2 bereits genügend Material gesammelt, um die Folge auf die Mattscheibe bringen zu können. Verhindern habe er die Ausstrahlung nicht können, da er einen Vertrag unterschrieben hatte, der ihm jegliches Recht absprach. Während Familie Roß vor allem als dauerstreitende Verlierer dargestellt wurden, soll die Episode über die Holländers den Eindruck erwecken, als handle es sich bei ihnen um spielesüchtige Faulenzer, die in einer verwahrlosten Wohnung leben. RTL2 blendet hierfür Bilder von Computern und Filmpostern ein, unterlegt sie mit harter Rockmusik und kommentiert die Inszenierung mit Sätzen wie: »Apropos Leben: Ordnung ist im Hause Holländer maximal das halbe Leben. Geputzt wird nach Bedarf und der ist subjektiv«. Damit der Zuschauer keinen Zweifel an der Behauptung hegt, wird der Bildschirm kurzerhand bräunlich eingefärbt - ob sauber oder nicht, ist so schwer zu erkennen.

So offensichtlich die Manipulation in den genannten Fällen sein mag: Es gibt auch Beispiele, die täuschend authentisch wirken. Der Blog Dokuwahn widmet sich insbesondere Sendungen, die hilfesuchende Kinder und Jugendliche forführen. Einer der dort veröffentlichten Beiträge beschäftigt sich mit der RTL-Doku-Soap »Die Ausreisser«, in der Streetworker Thomas Sonnenburg obdach- und perspektivlosen Heranwachsenden und deren verzweifelten Eltern angeblich hilft. Die Schicksale seien hierbei nicht aufgebauscht oder ausgedacht, sondern echt. Deshalb sei die Darstellung im Fernsehen umso zweifelhafter. »Wie muss ein 17-Jähriger sich fühlen, über den nun vier Millionen Zuschauer wissen, dass er schwul und HIV-positiv ist, wohnhaft in einem kleinen Ort in der Nähe von Frankfurt?«, heißt es in einem der Artikel. Den Schutz der Persönlichkeitsrechte nimmt »Die Ausreisser« tatsächlich nicht sonderlich ernst. Häufig werden nicht nur die Probleme der Teilnehmer genannt, sonderen deren Wohnort gleich mit.

Allerdings sei das nicht das einzige Manko der Sendung. Sonnenburg werde als authentischer und mitfühlender Mensch gezeigt, der sich um seine Schützlinge kümmert. Verzweifelte Eltern, deren Kinder weggelaufen und unauffindbar sind, versprechen sich durch ihn rasche Erfolge und melden sich deshalb bei RTL. Leider sind sie damit bei »Die Ausreisser« falsch. Im Fall von Jenny, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 16-Jahre alt war und sich vor laufender Kamera für eine Abtreibung entschied, soll es keine Hilfestellung seitens des Streetworkers gegeben haben. Geplant sei aber gewesen, in Holland zu zelten und dem Mädchen ein fiktives Baby zu überreichen, damit sie ein Gefühl für das Muttersein bekommt. »NICHTS davon wurde realisiert. Ein kurzes Gespräch mit dem Streetworker und einmal reiten gehen waren alles«, schreibt Dokuwahn. Eine Reise ins Allgäu habe es dennoch gegeben - hilfreich sei sie aber nicht gewesen. Jenny und ihre Familie seien im Hotel wie »Aliens« behandelt und diskriminiert worden, so dass sie früher als geplant wieder abreisten. Zudem habe Sonnenburg im Alleingang beim Jugendamt Beschlüsse veranlasst, für die die Zustimmung der Mutter nötig gewesen wäre.

Die Erzieher einer Nation

Mittlerweile füllen TV-Sender den Nachmittag mit Gerichtsshows, begleiten Jugendliche bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz, lassen einen Friseur durch Deutschland reisen und seinen Kollegen helfen und retten Teenager vor dem Abgrund. Scheinbar. Im Prinzip gehen sie lediglich auf Zuschauerfang - koste es, was es wolle. Aber auch diese Medaille hat zwei Seiten: Sie senden ihre menschenverachtenden Soaps, weil es genügend Leute gibt, die sich gern am Leid anderer ergötzen. Wie damals bei den Menschenzoos: Jeder hat hingesehen, niemand will etwas erkannt haben. Was hilft? Die Scheiße ausmachen.

Hier noch die angesprochene ZAPP-Sendung:

Kommentare (6)


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Filmfreak
11.05.10 - 14:16
So viele Dinge in unserer heutigen Gesellschaft sind "krank" & "verrückt" dass man nur noch mit dem Kopf schütteln kann!

Trotzdem ein genialer Blogbeitrag von Dir Daniel!

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RandyFisher
11.05.10 - 04:28
Jaja, die Streetworker. Erst werden die Leute mit Sanktionen beim Arbeitsamt auf die Straße gesetzt, damit der Streetworker danach die Obdachlosen überreden kann, wieder zum Arbeitsamt zu gehen... das ist krank!

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Kein Userbild
GASTBEITRAG
09.05.10 - 22:29
"Erziehungsratgeber" wollen verkauft und Quoten erzielt werden...
Auch ein Streetworker ist nur ein Mensch (vor allem, wenn er 250.000,-€ im Jahr 2009 für die Vorführung erhält).

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Jason
08.05.10 - 21:26
Ja, die gab es wirklich. Anfangs sollten sie "nur" die Sensationsgier der Besucher stillen (deswegen habe ich sie mit den Doku-Soaps verglichen, die auch auf nichts anderes abzielen), dann kam allerdings die "Rassenkunde" auf und damit ein vermeintlich wissenschaftlicher Anspruch (Vergleiche der Anatomie unter Berücksichtigung der geographischen Herkunft der Insassen usw.) - sehr menschenverachtend.

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RandyFisher
08.05.10 - 18:44
Ja, wirklich klasse.

Das Schlimme an den Dokusoaps ist aber wirklich, wie sehr sie den Zuschauern vorgaukeln, dass Sozialärsche.. äh, -arbeiter helfen würden. In der Realität sind das meist Arschlöcher. Dass sie die Kids möglichst negativ vorführen, beweist das umso mehr. Dummerweise hat das Ganze gesellschaftliche Auswirkungen, wenn alle diesen Mist glauben. Im Fernsehen werden Kinder gezeigt, die fett und faul sind, also ist jedes übergewichtige Kind ebenso faul. Im Fernsehen sehen wir Kids, die auf der Straße abhängen, Prügeleien haben und die Schule schwänzen - schon wird jedes Kind, das wegen Mobbing nicht zur Schule geht, in selbige Schublade gesteckt. Das ist die Seite, die daran besonders zum Kotzen ist! Von den Arbeitslosen-Klischees mal ganz zu schweigen...

Andererseits zeigt es auch die Dummheit der Leute. Im Gegensatz zu den von dir angesprochenen "Menschen-Zoos" nehmen die Leute heute freiwillig an den Doku-Soaps teil! Obwohl jedem, der klar bei Verstand ist, klar sein müsste, welche Auswirkungen das hat. Aber soweit können die meisten Leute heute nicht mal mehr denken. Trauriges Deutschland.

Btw: Gab es wirklich Menschenzoos?

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eichi
08.05.10 - 12:15
tolle geschichte - grandiose analyse! ech klasse gemacht, daniel!

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