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Special-Review: Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast (Buch)

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Geschichten über Ungerechtigkeiten funktionieren immer. Sei es politische Unterdrückung, sei es willkürliche Polizeibrutalität, sei es als Unschuldiger im Knast zu sitzen - richtig inszeniert findet sich überall jemand, dessen Herz bei jeder neuen Berichterstattung blutet. Wir sollten allerdings kritisch sein und darauf achten, dass man uns keine zweifelhafte Meinung aufzuzwingen versucht. Das bedeutet: Sich selbst Gedanken machen und die bekannten Informationen vernünftig analysieren, statt sich emotional voreilig auf eine der beteiligten Seiten ziehen zu lassen. Vor allem beim Thema Kindesmissbrauch passiert letzteres jedoch häufig und rasch - entweder man fühlt mit dem vermeintlichen Opfer und möchte den Täter hängen sehen, oder man glaubt den Unschuldsbeteuerungen des Beschuldigten und stellt die Glaubwürdigkeit der geschädigten Person infrage.

Als das Schicksal vom damals 17-jährigen Marco durch die Medienwelt ging, der 2007 in einem türkischen Gefängnis saß, weil er eine 13-jährige Engländerin missbraucht haben soll, schien sich zumindest in Deutschland schnell abzuzeichnen, hinter wessen Rücken man sich positioniert. Plötzlich wurden Mahnwachen gehalten, Politiker setzten sich für die Freiheit des jungen Mannes ein, der nie müde wurde zu sagen, dass er doch nichts getan habe. Vielleicht hat er tatsächich nichts getan. Vielleicht doch. Tatsache ist: Wir wissen es nicht. Und eine weitere Tatsache: Es ist eigentlich scheißegal. Würde man keine Verfilmung seines Buches »Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast« planen, würden wir uns heute erst gar nicht mit dem Vorfall beschäftigen. Unterm Strich wurde nämlich alles boulevardesk aufgearbeitet, ausgeschlachtet bis zum Gehtnichtmehr, bis jeder wusste, wer dieser Kerl mit den kurzen Haaren ist, in welchem Knast er sitzt, was er verbrochen haben soll. Dass er nur einer von unzähligen Menschen ist, die ohne stichhaltige Beweise gefangengehalten werden, war natürlich für kaum jemanden von Belang. An dieser Stelle möchte ich die Vermutung aussprechen, dass wahrscheinlich auch in seinem Fall keiner der deutschsprachigen Medienkollegen ein Wort geschrieben hätte, hätte er eine andere als die deutsche Staatsbürgerschaft. Es ist ohnehin ein merkwürdiges Phänomen, dass die Nationalität offenbar über die Relevanz und die Tragik einer Meldung entscheidet. Wie oft hören wir Sätze wie: »Bei einem Flugzeugabsturz in Nigeria sind 30 Menschen ums Leben gekommen - darunter drei Deutsche.« Als ob das wichtig wäre. Aber das ist eine andere Baustelle.

Nun denn, heute Kräht kein Hahn mehr nach Marco und seinen Knastgeschichten. Inzwischen ist er wieder in Deutschland, ein endgültiges Urteil ist nicht gefallen. Sein Buch ist seit nunmehr zwei Jahren erhältlich, jetzt will es der Produzent von Zeitsprung Entertainment verfilmen. Zugegeben, es ist eine filmreife Geschichte, die genauso gut dem Hirn eines Drehbuchautoren entsprungen sein könnte: Marco fliegt mit seinen Eltern in die Türkei, möchte dort einen schönen Urlaub verbringen. Er lernt ein junges Mädchen kennen, Carolina in der Literaturvorlage, kommt ihr näher und wird aus heiterem HImmel von ihr des Missbrauchs beschuldigt. Die türkische Justiz eiert nicht lange herum, sondern nimmt ihn in Gewahrsam - bis auf weiteres. 247 Tage, die er in seinem Erstlingswerk aufarbeitet. Manche nennen es eine Rehabilitation, andere eine kluge Geschäftsidee. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Doch ist »Meine 247 Tage im türkischen Knast« nun verfilmenswert - aus Sicht eines ungehypten Filmfreundes, den es einen feuchten Kehrricht interessiert, wie es damals wirklich war, wie es heute ist, wie es sein wird? Nein. Und zwar aus mehreren Gründen.

Marco ist kein Schriftsteller. Wer die auf ein Papier gedruckten Buchstaben in seinen Händen hält und liest, sieht im Idealfall die Geschichte wie einen Film vor seinem inneren Auge ablaufen. Ihm gelingt das nicht, weil sein Schreibstil unentwegt an einen allenfalls mittelmäßigen Schulaufsatz erinnert. Hätte ja auch einer sein können, denn wer erinnert sich nicht an seine eigene Schulzeit und die Aufgaben aus der Grundschule, bei denen man seine schönsten Ferienerlebnisse aufschreiben sollte? Das vorliegende Werk wäre diesem Zweck jedenfalls mühelos gerecht geworden (wenn auch nicht unbedingt unter dem Adjektiv »schönsten«). Versteht mich nicht falsch: Die Amateurhaftigkeit ist zu Authentizitätszwecken notwendig, eine kleine professionelle Aufarbeitung wäre aber nicht verkehrt gewesen. Denn was ich mir schon beim Lesen nicht mit eigenen Bildern vorstellen kann, zweifle ich bereits im Vorfeld als vernünftige Filmproduktion an.

Das zweite Problem: Insbesondere während der ersten Seiten will er dem Leser unbedingt einreden, dass er das eigentliche Opfer ist und von Carolina nichts wollte. Dabei ist immerzu ein- und dasselbe Schema zu beobachten: Zuerst folgt eine Beschreibung des Mädchens, dem folgend die Versicherung, dass er von ihr nichts wollte. Zum Beispiel: »Sie war geschminkt, die Wimpern getuscht, zwar kein Lippenstift, aber reichlich Lipgloss. Zum tief ausgeschnittenen Top trug sie ein ziemlich kurzen Jeans-Rock. 'Nettes Mädchen', dachte ich, mehr nicht.« Oder: »Die Mädchen waren etwa 25 Meter entfernt. Carolina trug einen Bikini. Ob sie umwerfend aussah? So genau guckte ich nicht hin.« Oder: »Die rannen in sehr kurzen Röcken und ganz engen Tops mit tiefem Ausschnitt herum. (...) Carolia war auch dabei. Aber sie strach mir nicht ins Auge. Ehrenwort!« Oder: ... okay, lassen wir das, ihr wisst, worauf ich hinaus will. Nach seinen Beteuerungen, sie nicht weiter beachtet zu haben, geht es irgendwann aufs Hotelzimmer. Dort passiert irgendwas. Marco wird bald darauf verhaftet und landet im Knast. Eindringlich beschreibt er die Wohnverhältnisse: Mehr als ein Dutzend Männer hausen in einem kleinen Zimmer, ein Loch im Boden dient als Toilette, Luxus gibt es nicht. Das Essen ist überwiegend schlecht, es gibt Verständigungsprobleme mit den anderen Gefangenen. Zudem hat es den Anschein, als lassen sich die türkischen Justizbehörden enorm viel Zeit. Die Übersetzungsarbeiten dauern an, nach Zeugen wird nur spärlich gesucht, es gibt Pannen und wirkliches Interesse an einer raschen Aufklärung hat wohl keiner. Nur Marco, der sich unwohl zwischen »richtigen Verbrechern« fühlt, der manchmal den Mut verliert und nur noch nach Hause will, der will die Sache freilich rasch klären.

Entsprechend seiner Lage ist das Gejammer groß, die Erzählung wirds auch: Er sei gefoltert worden, man hätte ihn auf Schlafentzug und Drogen gesetzt. Musste er zu einer Anhörung, wurde er von schwerbewaffneten Polizisten begleitet. Das klingt nicht nach der Türkei, das klingt stark nach Guantanamo Bay. Inmitten der Gangster und Bandenchefs und deren strikten Hierarchien habe ihm vor allem sein Glaube an Gott geholfen. Kurzum zieht er alle nur erdenklichen Register: Ein mehr oder weniger religiöser Teenager, der bloß einen harmlosen Urlaub verbringen wollte, lässt sich auf einen romantischen Urlaubsflirt ein, landet hinter Gitter und findet sich zwischen gnadenlosen Banden und schussbereiten Cops wieder, wenn er nicht gerade gefoltert oder unter Drogen gesetzt wird. Nett nett.

Fazit:
Die geplante Verfilmung von »Meine 247 Tage im türkischen Knast« ist vermutlich ein rein geschäftliches Vorhaben und im Hinblick der Geschichte ein kaum verwunderliches. Sieht man vom mäßigen Erzählstil ab, bietet das Buch allerhand Potenzial für einen Trash-Movie: Einen heranwachsenden Jungen, der sich im Urlaub entspannen möchte, dort auf eine laut seinen Schilderungen verlogene Engländerin trifft, die ihn mit ihren Aussagen ins Gefängnis bringt. Alsbald sieht er sich mit Gangs, Drogen und Folter konfroniert, muss aber weiterhin um Gerechtigkeit kämpfen, während in Deutschland scheinbar eine Nation hinter ihm steht. Als Literatur berührt das nicht, ob gegenteiliges als Kinofilm der Fall sein wird, ist zu bezweifeln.

Kommentare (7)


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GASTBEITRAG
27.03.11 - 13:03
hey was soll des man.. hey ich hab den film angesehn und ich finde es scheiße das man die türken so fertig macht.. es liegt eine vergewaltigung vor hallo.. er lebt noch und ist draußen .. doch ein türke der wegen diebstahl in deutschland fest genommen wurde ist während sein aufenthalt im deutschen knast gestorben.. machen die türken so was nein.. doch die deutschen schon

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Filmfreak
27.01.11 - 08:32
Info:
Ab dem 23. März 2011 wird dieser Film im Vertrieb von Lighthouse Home Entertainment auf DVD & BD erscheinen!

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GASTBEITRAG
08.07.10 - 17:58
Habe die ganze Geschichte mit bekommen.
Auf Bewährung verurteilt, haha wie lächerlich....
Aber so sind die in der Türkei, sollte man einfach nicht mehr hinfahren.
Das Urteil was da gekommen, echt komisch.

Danke für den Tipp!
Die Seite "freiheitfuermarco.de“ hat glaube ich nun ein neues Styling.

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Jason
01.06.10 - 12:28
lt. der homepage der initative "freiheit für marco" wurde er in der türkei wegen sexuellen missbrauchs zu 2 jahren, 2 monaten und 20 tagen haft auf bewährung verurteilt, wogegen sein anwalt in revision ging; womit das urteil wiederum (noch) nicht rechtskräftig ist. deutsche urteile sind für das ausland unerheblich.

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GASTBEITRAG
01.06.10 - 11:39
abgesehen von diesem Satz: "Inzwischen ist er wieder in Deutschland, das Verfahren hat noch immer nicht begonnen, ein Urteil ist nicht gefallen" (das ist Unfug, in der Türkei gibt es ein Urteil, das Landgericht Lüneburg hat nach den gleichen Unterlagen das Verfahren eingerstellt!) kann ich das voll unterschreiben. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass der Knabe selbst weniger der Schreiber des mangelhaften Aufsatzes ist. Und für diejenigen, die seinerzeit sich für Verhältnisdmäßigkeit des Verfahrens eingesetzt haben, hat die ganze Bildzeitungsromantik jetzt ein Geschmäckle!

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Jason
01.06.10 - 08:22
danke dir, ruben!
erwartungen hatte ich eigentlich keine. hab nur gehofft, dass es einigermaßen ansprechend und semi-professionell verfasst ist

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Filmfreak
31.05.10 - 23:49
Ausführliches Special-Review Daniel zu diesem Buchtitel.
*Daumenhoch* für Deine Zeilen.

Hattest Du Dir von diesem Buch mehr erhofft Daniel?
Anders aufgebaut?
Besser verfasst?

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