Kritik: The Road

Share
Keine Gewissheit, keine Nahrung, keine Freundschaft, keine Sonne und eigentlich kein Sinn mehr: Die Zivilisation ist zerstört, die meisten Lebewesen sind ausgestorben und wer den Mumm hat, bringt sich besser früher als später um. Ein Vater (Viggo Mortensen), der im Film ebenso wie alle(!) anderen Figuren namenlos bleibt, zieht mit seinem Sohn (Kodi Smith-McPhee) nach Süden. Dort, hofft er, wenigstens etwas zu Essen zu finden. Doch in einer Welt, in der absolut niemandem getraut werden kann und in der Kannibalismus alltäglich ist, erweist sich ein solcher Weg als nahezu selbstmörderisch. Einen Ausweg gibt es trotzdem: Zwei Kugeln, ein Revolver.

Es wirkt harmlos, wie Vater und Sohn still am Lagerfeuer sitzen und sich unterhalten. Aber etwas stimmt nicht: Der Mann wirkt abgemagert und ungepflegt und dem Jungen scheint es nicht anders zu gehen. Ihre Klamotten sind modrig, ihre Gesichter kühl, schmutzig und zu allem entschlossen. Der Vater hantiert mit einer Waffe herum, zeigt zwei Kugeln. Später wird er dem Burschen zeigen, wie er es macht. Wie er sich tötet. Den Lauf in den Mund stecken und ein wenig nach oben drücken, sagt er. Dann am Abzug ziehen. Es ist die ultimative Lösung, falls sie gefangen genommen werden sollten - oder sie in eine andere Situation kommen, in der Suizid besser ist als das, was danach geschieht; besser als das Leben, falls es danach noch stattfindet. Der Anschein, dass ihr Dasein bis dahin überhaupt lebenswert ist, wirkt wie reiner Zynismus. Wie kann man auf einer derart düsteren postapokalyptischen Erde überhaupt sein können (- von »wollen« kann schließlich keine Rede sein)? Die Antwort kommt abrupt: Der Vater wegen dem Sohn und der wegen seinem Papa. Die Mutter, gespielt von Charlize Theron, fand in keinem der beiden einen Grund zum Weiterleben. Nun sind sie buchstäblich auf sich allein gestellt, denn Freunde gibt es ebenso wenig wie Unterstützung von irgendjemandem.

Diesen Umstand teilen sie mit den wenigen Menschen, die überlebt haben. Ihnen begegnen sie auf ihrem Pfad immer wieder. Manchmal sind es Gruppen, die alles jagen, was essbar ist - sprich auch andere Männer, Frauen und Kinder - manchmal sind es nur Leute wie sie selbst, die Sicherheit und Nahrung, allerdings keine Konflikte suchen. Wer zu welcher Sorte gehört, können sie freilich nicht auf Anhieb sagen. Entsprechend vorsichtig und kaltherzig sind sie grundsätzlich, zumindest der Vater. Während ihrer Wanderung treffen sie beispielsweise auf einen alten Herren, der fast blind und offenbar harmlos ist. Während der Sohn dafür plädiert, ihn mitzuschleppen, schickt ihn sein Vater in die Wüste - zu groß das Risiko, dass er sich letztlich als Problem erweist. Die kindliche Naivität des Jungen und die weise Voraussicht des Vaters haben die Autoren Cormac McCarthy (Romanvorlage) und Joe Penhall hervorragend skizziert - mehr noch: Sehr radikal skizziert, wie die oben genannte Szene mit dem Revolver zeigt. Für den Burschen ist die Postapokalypse selbstverständlich ebenso schlimm wie für seinen Begleiter, es gibt aber Unterschiede. So sehnt er sich vor allem nach Gleichaltrigen und Güte. Am liebsten würde er jedem helfen. Der Mann ist anders, er traut keinem und er scheint sich nach Nichts zu sehnen. Außer nach seiner Frau, von der er oft träumt, bevor er aus dem Schlaf schreckt. Einen Traum zu haben ist kein Problem, erklärt er. Erst wenn man mehrere hat, sollte man sich ernsthafte Gedanken machen. Als Off-Stimme hört man ihn relativ oft über das Leben sinnieren, über Sinn und Unsinn und über Gott. Das gibt »The Road« einen zusätzlichen traurigen Touch, weil es so wirkt, als wären seine Gedanken alles, was ihm von der zerstörten, "intakten" Welt übriggeblieben ist. Und Regisseur John Hillcoat intensiviert diesen Eindruck dadurch, dass er ab und zu einen Rückblick in die Zeit gewährt, in der noch alles in Ordnung schien: In der die Mutter noch da war, in der das Haus noch bewohnbar war, in der die Sonne noch schien.

Aufgrund seines postapokalyptischen Settings muss sich »The Road« zwangsläufig einem Vergleich mit »The Book Of Eli« stellen. Letztgenannter, in dem Denzel Washington die Hauptrolle spielte, ist jedoch um Klassen schlechter als sein Konkurrent. Das liegt nicht an der Atmosphäre, die ist nämlich in beiden Filmen fantastisch, es liegt auch nicht an den Schauspielern - es liegt an der Handlung. Eli war ein cooler Literat, der sich scheinbar nie fürchtete und es problemlos mit jedem Kontrahenten aufnehmen konnte. Das war zwar interessant und unterhaltsam, aber überhaupt nicht tiefgängig. Die Protagonisten in »The Road« dagegen sind menschlich vom Kopf bis zur Fußspitze. Sie haben permanent Angst, sie verstecken sich, sie sind füreinander da, sie kämpfen nur dann, wenn es sein muss, ziehen die Flucht aber immer vor. Entsprechend gängiger ist auch die schauspielerische Leistung. Washington war cool, Viggo Mortensen übertrifft immer wieder selbst. Sei es die Panik in seinem Gesicht, wenn er eine Gefahrenquelle entdeckt, sei es die Entschlossenheit, seinen Sohn zu schützen, die schmerzhaften Momente, da er sich an seine Ehefrau erinnert und seine Augen sichtbar feucht werden oder er sich nackt in einem Wasserfall wäscht: Man nimmt ihm seine Rolle ohne wenn und aber ab. Ähnlich ist es mit Kodi Smit-McPhee, der die Rolle des Sohnes unglaublich gefühlvoll und authentisch spielt. Hervorzuheben ist auch die klassische Musikunterlegung, die nie unpassend wirkt, sondern einzelne Szenen wunderbar hervorhebt.

Fazit:
»The Road« von John Hillcoat ist ein modernes Poem an und über die Apokalypse. Vater und Sohn kämpfen sich im wahrsten Sinne des Wortes durch und sind dabei menschlich, was sie glaubwürdig macht und emotionalen Zugang zu ihnen ermöglicht. Die Vater-Sohn-Dialoge sind wunderschön und eindringlich, die Atmosphäre erstklassig und jegliche Figuren samt den Schauspielern, die sie spielen, hätten besser nicht getroffen werden können.

Wertung: 9,5/10

Kommentare (10)


Beitrag schreiben


Kein Userbild
GASTBEITRAG
22.11.11 - 22:40
Wenn man Vater ist und ´nen Sohn, wie in dem im Film gezeigten Alter, hat, ist der Film nicht zu ertragen...Ich habe vor lauter Heulerei Schwierigkeiten gehabt die Stop/Eject Taste zu finden! (...und bin nicht nahe am Wasser gebaut!) ...Junge, was für ein Film!!!

P.S.: Welch´Neuland: Nix Religiöses, Philosophisches oder Abenteuerliches wird bemüht; hier regiert der todkranke Optimismus...welch´Irrsinn.

Antwort abgeben

kurenschaub
14.01.11 - 23:47
kann den Film in LINZ - A bisher noch immer nicht sehen -gehe sofort wenn er kommt.
Kritik oben ist übrigens echt spitze!

Antwort abgeben

RandyFisher
12.10.10 - 21:41
Also hier im Gladbacher Multiplex läuft der Film auch nicht. Ich kann es überhaupt nicht verstehen... ist für mich der beste Film des Jahres.

Antwort abgeben

Flykilla
11.10.10 - 16:07
Bei uns läuft der leider auch nur in nem Programmkino. Werd ihn wahrscheinlich diese Woche noch anschauen!

Antwort abgeben

eichi
11.10.10 - 07:41
tja, jetzt fehlt nur noch, dass sie den film auch hier bei uns in österreich zeigen.

kritik ist wie immer klasse, daniel!

Antwort abgeben

RandyFisher
11.10.10 - 01:37
Habe mir den Film auch am Samstag auf der Buchmesse angesehen. Kann deiner Wertung nur voll und ganz zustimmen, wobei ich glatt noch den halben Punkt mehr geben würde...!

Antwort abgeben

Filmfreak
10.10.10 - 23:32
Ich freue mich auch schon wahnsinnig auf diesen Streifen und schließe mich all meinen Vortippern zu Deiner Kritik an, Daniel!

Antwort abgeben

Kiddow
10.10.10 - 22:49
Sehr sehr schöne Kritik, also jetzt werde ich mir den Film dann doch mal sehr gerne anschauen!

Antwort abgeben

chredd
10.10.10 - 21:47
super kritik daniel! den film muss ich einfach sehen, was du hier beschreibst scheint ja wirklich unvergleichlich zu sein
bin sehr gespannt

Antwort abgeben

Flykilla
09.10.10 - 20:38
Klasse Kritik! Hatte ich von diesem Film auch nicht anders erwartet, wobei ich Kritiken von Leuten gelesen habe, die den Sterbenslangweilig fanden, Mainstream Publikum eben. Freu mich schon wie verrückt auf den Film!

Antwort abgeben




Dauerhaft
Amazon Prime Unbegrenzter Seriengenuss
Bewertungen:

brittlover

brittlover
7.480 Bewertungen

  • kurenschaub kurenschaub4.726
  • Seth0487 Seth04874.349
  • Chev Chev3.567
  • eichi eichi2.573
  • mcfunny mcfunny2.347
  • Filmosoph Filmosoph2.147
  • Hirsch777 Hirsch7772.143
  • Vanuschka Vanuschka1.983
  • Testbericht Testbericht1.949