Special-Review: Medal Of Honor (Videospiel)

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Ich wäre gerne ein Taliban. Im Spiel zumindest, in Wirklichkeit wäre mir so ein Vollbart zu kratzig. Wer auch in die Haut eines Radikalen schlüpfen wollte und sich bei der Meldung, Electronic Arts würde diese Möglichkeit im neuen »Medal Of Honor« bieten, den selbstgebastelten Bombengürtel umgeschnallt hat, hat ihn wahrscheinlich inzwischen wieder abgelegt. Denn EA hat im letzten Moment den Schwanz eingezogen - der Druck von Außerhalb war zu groß. Die Bundeswehr meinte zum Beispiel, es sei "widerwärtig, so ein Spiel auf den Markt zu bringen, während in Afgahnistan Menschen sterben." Wenn dort keine Leute mehr umkommen, wäre so eine Scheibe folglich in Ordnung. Geile Moralvorstellung. Der britische Verteidigungsminister Liam Fox bat indes die Geschäfte, "ihre Unterstützung für unsere Truppen auszusprechen" und das "geschmacklose Produkt nicht zu verkaufen." Scheinbar will man nicht, dass sich der Konsument auf die andere Seite schlagen kann und dadurch ansatzweise einen Eindruck erhält, wie es hinter feindlichen Linien aussehen könnte. Vielleicht lassen die Jungs von EA im nächsten MOH-Titel die radikalen Kämpfer weg und kompensieren sie dadurch, dass man als friedenbringender Soldat Zivilisten abknallen und sich danach dafür entschuldigen kann - "Sorry, war mal wieder 'n Versehen." Zwischendurch deckt Wikileaks die Kriegsverbrechen des Gamers auf, welcher in der finalen Mission deren Hauptquartier zerbomben muss, weil ihre Aufdeckungsarbeit ein Sicherheitsrisiko für die NATO... ach was, für das ganze Universum darstellt.

das leben

Bomben Stimmung im Nahen Osten

An der brisanten Handlung von MOH konnten Kritiker jedenfalls nichts ändern. Entgegen der Gewohnheit, das vorliegende Spiel als erstes mit dem Zweiten Weltkrieg zu assoziieren, schickt es uns diesmal nach Afgahnistan - und sagt es auch so. Der große Bruder, »Call Of Duty«, hat uns zwar schon vor Jahren in den Nahen Osten entsandt, allerdings hat man den Konflikt damals weder namentlich genannt noch so inszeniert, als dass der Verdacht der Gegenwärtigkeit hätte aufkommen können. Schade eigentlich, weil es doch an der Zeit dafür ist! Warum sollten Games nicht dasselbe transportieren können wie Filme oder Bücher? Vielleicht können sie sogar einen nachhaltigeren Eindruck der Situation vermitteln, wenn sie gut gemacht sind und fesseln. »Medal Of Honor« gibt sich sichtbar Mühe, den Spieler in die Welt des Terroros, der Angst und der Hoffnung zu entführen. In der Eröffnungsszene fahren wir mit zwei Autos durch die Nacht, wollen offenbar jemanden treffen. Die Wüste wirkt genauso friedlich und harmlos wie das Dorf, in das wir kommen und wie die Menschen, die darin wohnen. Trotzdem huscht die Kamera nervös von Fenster zu Fenster, checkt jede Ecke, scheint abzuwägen, welcher Bauer wie ein Bauer aussieht und hinter welchem Bauern ein Terrorist steckt. Alle Vorsichtsmaßnahmen erweisen sich allerdings schnell als nutzlos: Die ersten Schüsse fallen, der anschließende Fluchtversuch wird durch eine Rakete unterbrochen. Es ist Krieg in Afgahnistan. Und irgendwie sind wir mittendrin. Oder so.

Leider verspricht der wuchtige Anfang mehr, als letztendlich gehalten wird. Abwechselnd in die Rolle zweier (Elite)Soldaten schlüpfend, kämpft ihr euch als Teil kleinerer Militärtruppen durch und erfüllt Aufgaben, die den herkömmlichen Militärs zu heikel sind. Das sind bisweilen nicht nur Herausforderungen, in denen ihr euch mit roher Waffengewalt durchsetzen, sondern auch das Köpfchen benutzen müsst. Mal dürft ihr eine Stellung verteidigen, mal mit dem Scharfschützengewehr arbeiten oder unentdeckt in eine Basis eindringen, Etwas anbringen und wieder verduften. Generell erhält das Gameplay dadurch Spannung, nur gibt es Ziele auf der To-Do-List, deren Erfüllung viel zu sehr in die Länge gezogen wird. Wenn ihr z.B. gefühlte 10 Minuten mit dem Laser irgendwelche Ziele markieren müsst oder ähnlich lange auf eine uneinnehmbare Basis ballert, entsteht der Eindruck, dass Electronic Arts die Spielzeit strecken wollte. Geschafft haben sie das trotzdem nicht, nach ungefähr 6 Stunden hat man den Single-Player durch.

das leben

Hörgerät und Blindenstock, bitte!

Das liegt mitunter daran, dass die Taliban unglaublich dämlich sind und selten eine wirkliche Gefahr darstellen (außer durch ihre schier grenzenlose Masse); wir marschieren quasi einfach durch. Ihr könnt beispielsweise vor einem Haus, in dem sich Widerstandskämpfer tummeln, einen riesen Radau veranstalten, in dem ihr Handgranaten werft und in die Luft schießt. Geht ihr ein paar Sekunden danach in das Gebäude, haben die Kerle nichts davon mitbekommen. Infiltriert ihr sie in der Nacht, kann es sogar vorkommen, dass ihr direkt vor ihnen steht und sie euch nicht(!) bemerken. Die unterdurchschnittliche Künstliche Intelligenz begrenzt sich zum Glück nur auf eure Gegner, eure Teamkameraden agieren in der Regel deutlich besser. Außerdem retten sie euch hin und wieder in aus CoD bekannten gescripteten Ereignissen den Hintern. Kommt ihr einmal durch eine Tür und werdet überraschend überwältigt, könnt ihr vom Boden aus beobachten, wie einer eurer Weggefährten den Feind zur Strecke bringt. Nicht neu, fügt sich aber gut in das Spielgeschehen ein.

Nicht ganz so gut gefällt das Design. Klar, Afgahnistan ist umgeben von Bergen - das hat man erwarten können und entsprechend wurde es umgesetzt. Während ihr allerdings durch die Landschaft streift, findet ihr relativ wenig visuelle Abwechslung. Jede Ecke scheint der anderen zu gleichen, alles wirkt irgendwie trostlos und wenig einladent. In »Call Of Duty: Modern Warfare« hatte man den Hindukusch deutlich besser umgesetzt. Zudem sind die Texturen in »Medal Of Honor« nur dann schön und zeitgemäß, wenn man sie sich nicht näher ansieht. Bei näherer Betrachtung stellt man fest, wie unscharf der ganze Spaß tatsächlich ist. Und die Levelbegrenzung ist darüberhinaus eine Frechheit: Wo man in vergleichbaren Games z.B. Gebäude, brennende Tonnen oder Zäune als halbwegs sinnvolle Rechtfertigung dafür bekommt, dass man nicht weiter laufen kann, läuft man in MOH schlichtweg gegen eine unsichtbare Wand. Das hat man vor ein paar Jahren noch akzeptieren können, heute wirkt das unpassend.

Fazit:
»Medal Of Honor« bietet eigentlich nicht viel Zündstoff. Vielleicht hat man in diesem Bewusstsein vorher mit den Taliban experimentiert, um das zu schaffen, was CoD vorher mit seinem Amoklauf an einem Flughafen geschafft hat: Publicity kreieren, um die Käuferschaft anzulocken. Viel übrig geblieben ist davon nicht. MOH ist ein durchschnittlicher Shooter, der sich allein durch sein gegenwärtiges Afgahnistan-Setting von der Masse abhebt. Die Inszenierung ist dank der dämlichen Gegner-KI, den dürftigen Texturen und der bisweilen eintönigen Grafiklandschaft magere Durchschnittskost. Positiv aber, dass man abwechslungsreiche Aufgaben übernimmt und nicht nur stumpf die Waffe bedient.

Wertung: 6,5/10

Kommentare (1)


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SemperFidelis
17.11.10 - 20:04
Muss dir da in allen Punkten zustimmen.
Habe mir wirklich mehr von diesem Titel erhofft.

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