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Zwischenruf: Über die Verurteilung von Regisseur Jafar Panahi

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März 2010: Der Regisseur Jafar Panahi wird mitsamt seiner Familie und 15 weiteren Angehörigen in Teheran verhaftet. Die iranische Justiz wirft ihm diffus „einige Verbrechen“ vor, ohne diese genau benennen zu wollen. Erste Vermutungen, die Handschellen hätten aufgrund Panahis Arbeiten und Ambitionen als Regierungskritiker geklickt, erscheinen schnell und werden ebenso prompt von Staatsanwalt Abbas Dschafari dementiert. Die Inhaftierung stehe in keinem Zusammenhang mit der politischen Einstellung des Künstlers, hieß es. Seit einigen Tagen ist Gewissheit, was zuvor Spekulation war: Dschafari ist ein Lügner. Am 20. Dezember wurde Panahi wegen „Propaganda gegen das System“ zu sage und schreibe sechs Jahre Haft verurteilt und mit einem Berufs- und Ausreiseverbot bestraft. Das Gericht hat ihm also seinen Beruf geraubt und ihn mundtot gemacht, denn er darf auch keine Interviews führen, Drehbücher schreiben und seine Filme wurden kurzerhand verboten. Seine „Propaganda“ war nie eine, sie war nur eine Illustration seiner kritischen Sicht auf sein Heimatland.

In »Offside« etwa, von ihm gedreht im Jahre 2006, thematisiert er anhand eines einfachen Fußballspieles die Frauenrechte in Iran. Der Film handelt von Frauen und Mädchen, die sich ein Spiel im Stadion ansehen möchten, dies aber nicht dürfen – aufgrund ihres Geschlechts. Als sie sich als Männer verkleiden und sich dem Verbot widersetzen, werden sie schließlich entdeckt, woraufhin eine Debatte über die Rolle der Frauen in der iranischen Gesellschaft entsteht. Gewiss, kein einfaches Thema, gleichwohl ein wichtiges – nicht nur für Iraner, für die ganze Welt. Und Frauen werden vielerorts noch immer unterdrückt – wie Andersdenkende, Intellektuelle oder Homosexuelle. Propaganda, das ist die Verbreitung von Wirklichkeitsferne zu Manipulationszwecken, ein schreckliches Bild schön reden oder ein schönes schrecklich, um die Massen zu lenken. Propaganda ist keine Tatsachenbeschreibung. Weder Panahi noch sonst jemand hat Anlass, Beschuldigungen gegen die iranische Führung zu erfinden.

Präsident Mahmud Ahmadinedschad und seine Untertanen haben nämlich mehr als einmal dargelegt, dass sie mehr Gewaltbereitschaft als Verstand besitzen. Wer erinnert sich nicht an die Präsidentschaftswahlen im Jahre 2009, als tausende Iraner der „Grünen Bewegung“ friedlich gegen das Wahlergebnis demonstrierten, bis das Regime ihnen mit dumpfer Gewalt entgegentrat? Wer erinnert sich nicht an Neda, die vor laufender Kamera ermordet wurde und zum unfreiwilligen Symbol der Proteste wurde? Das sind Wahrheiten, die die bestmögliche Propaganda nicht erfinden und verbreiten könnte. Damals haben alle schnell reagiert: Es gab Sondersendungen im Fernsehen, es wurden Interviews geführt, man hat getwittert, gefacebooked, flinke Redakteure haben im Minutentakt neue Artikel verfasst. Und irgendwann trat Stille ein, nach der Inflation der Schreckensmeldungen waren Zuschauer und Leser übersättigt, außerdem fehlte es langfristig an prominenten und greifbaren Opfern. Jetzt sind unsere wehrten Medienkollegen (uns nicht ausgenommen) wieder fleißig: Ein Regisseur wurde verhaftet – das geht doch nicht! »Der Terror gegen die Freiheit der Kunst geht weiter«, verkündete die Berliner Filmakademie und trifft damit, wahrscheinlich gar unbeabsichtigt, den Nagel auf den Kopf: Eigentlich geht es gar nicht um Jafar Panahis als Mensch. Wäre er ein Landwirt, Taxifahrer oder Student, hätte sich kein Schwein die Mühe gemacht, seinen Namen zu schreiben – weder mit Stift noch mit Tastatur.



Das ist immer so. Panahi ist nicht der Einzige, der nur deshalb hinter Gitter sitzt, weil er seine Meinung vertrat und Veränderungen wollte. Oppositionelle werden verschleppt und verhaftet, Frauen gesteinigt. Journalisten erfahren von der iranischen Regierung eine besondere Behandlung: Zahra Kazemi starb 2003 unter Gewalteinwirkung im Gefängnis, vermutlich wurde sie zuvor vergewaltigt. Zhila Bani Yaghoub wurde jüngst zu einem 30-jährigen Schreibverbot und Haft verdonnert, ihr Ehemann macht es sich ebenfalls im Knast gemütlich. Dagegen sollten wir auch sein, wenn wir für die Freilassung von Jafar Panahis plädieren – so wie wir dann für die Freilassung aller Gefangenen und Verurteilten plädieren müssen, die im Grunde nichts getan haben, als zu schreiben, zu demonstrieren oder zu filmen; und das ganz egal, ob sie Regisseure oder Obdachlose sind und in welchem Staat sie sich befinden. Es sollte egal sein, wem Unrecht widerfährt. Dass jemand unrechtmäßig „zur Rechenschaft“ gezogen wird, das ist das Problem. Allerdings können wir nicht alle Namen kennen. Wir leben ja selbst in Diktaturen, die uns sagen, für wen wir Aufschreien müssen, um zu denken, wir hätten was bewirkt – und während wir dabei sind, dagegen oder dafür zu sein, merken wir nicht, wie der Fokus verloren geht und sich mehr und mehr auf uns selbst richtet.

So wurde vor Monaten berichtet, Sakineh Ashtiani solle wegen angeblichen Ehebruchs und Beihilfe zum Mord gesteinigt werden. Auch hier war der Aufschrei zunächst groß: Das dürfe man nicht tun, das verstoße internationale Gesetze. Bis zwei Reporter der BILD am Sonntag (BamS) nach Iran flogen, um Ashtianis Sohn zu interviewen, und selbst verhaftet wurden. Seither scheint ihre Inhaftierung viel schlimmer als das Schicksal der Frau. Sogar Ex-Bundespräsident Horst Köhler hat sich für die Freilassung der beiden Journalisten eingesetzt. Petitionen, die ein Einlenken der iranischen Justiz bewirken sollen, Ashtiani wenigstens nicht zu ermorden, gibt es natürlich weiterhin. Man wirft den beiden Journalisten übrigens nicht vor, mit der Frau Kontakt aufbauen zu wollen – sie werfen ihnen Spionage vor. Die beste Propaganda gegen Iran macht Iran noch immer selbst. Wie gut kann eine Regierung denn sein, die die Macht des Wortes derart fürchtet? Und was Ahmadinedschad betrifft: Der ist nichts Besonderes, nur ein größenwahnsinniges Arschloch wie viele vor ihm es waren und wie es viele nach ihm sein werden. Aber auch gegen ihn hat man zu sein, sofern man bei Verstand ist. So, wie man gegen all die Spinner sein muss, die Spinnern wie ihm folgen – überall. Irgendwann bestünde dann vielleicht die Hoffnung, dass niemand mehr die Zügel zieht, der Menschen wie Jafar Panahis bestraft, Menschen wie Neda erschießt, Menschen wie Zhila Bani Yaghoub verbietet, zu schreiben oder Menschen wie Sakineh Ashtiani steinigen will.

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