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Kritik: Brothers

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Kriege werden besprochen, deren Opfer bleiben oft unerwähnt. Soldaten sterben und töten in Afghanistan, wer überlebt, kehrt als anderer Mensch in sein Heimatland zurück. Nur wenige Regisseure und Drehbuchautoren wagten sich bislang an das Thema heran und noch weniger schafften es, dabei neutral zu bleiben und wertungslos eine Geschichte widerzugeben. Susanne Biers »Brødre« (2004) war ein ernsthafter Versuch, das Schicksal eines Militärs zu illustrieren, der nach einer Gefangenschaft im Nahen Osten enorme Schwierigkeiten hat, in seinen Alltag zurückzukehren. Im Jahr 2011 bringt Jim Sheridan, der zuletzt 50 Cents »Get Rich or Die Tryin’« verfilmte, das Remake »Brothers« auf unsere Leinwand - mit nahezu identischer Handlung. Marine Captain Sam Cahill (Tobey Maguire) wird in den Kampf gegen die Taliban entsandt und lässt seine Familie in den Staaten zurück. Als Sam bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen zu sein scheint, kümmert sich sein kürzlich aus dem Knast entlassener Bruder Tommy (Jake Gyllenhaal) um dessen Frau Grace (Natalie Portman) und deren Kinder. Allerdings stellt sich heraus, dass Sam nicht gefallen ist - er wird traumatisiert zurück in die Staaten verfrachtet.

Der Mensch, das Massenprodukt



Sam hat es geschafft: Er führt mit seiner hübschen Ehefrau und ihren beiden Töchtern ein ruhiges, beschauliches Leben in einem kleinen Haus, versteht sich mit seinen Eltern und wird insbesondere von seinem Vater Hank (Sam Shepard) wie ein Held gefeiert. Soldat zu sein sei ehrenhaft, sagt er, eine durchaus anzweifelbare Meinung hinsichtlich dessen, was der spätere Filmverlauf birgt. Tommy, der zum ersten Mal seit Jahren seine Gefängniszelle verlassen darf, findet sich in einer Familie wider, die ihm fremd ist und die ihn weder benötigt noch will: Für Hank ist er ein Versager, Grace steht die Skepsis förmlich ins Gesicht geschrieben. Lediglich Mutter Elsie (Mare Winningham) liebt ihren Sohn, wie es Mütter eben tun. Was Tommy mit seiner neu gewonnenen Freiheit anstellen will, scheint ihm nicht klar. Erst als sein Bruder nach Afghanistan aufbricht, seinen Töchtern Isabelle (Bailee Madison) und Maggie (Taylor Geare) die Tränen in den Augen stehen, ahnt er scheinbar, welches Ende das nehmen und was es für ihn bedeuten könnte. "Pass' auf dich auf", rät er seinem Bruder obligatorisch. Doch Krieg ist unberechenbar, der im Nahen Osten vielleicht mehr als manch anderer. Sams Hubschrauber wird abgeschossen. Kurzerhand wird er für tot erklärt, jedoch lebt er - als Gefangener der Taliban. Jene gehen alles andere als zimperlich mit dem Amerikaner um, der sich ohnehin weigert, mit ihnen zu kooperieren. Verständlich, wenn wir bedenken, was sie mit ihm anstellen. Er muss unter anderem zusehen, wie sein Kamerad gefoltert wird. Stark sollen sie bleiben, fordert er im Tonfall eines Soldaten von seinem Landsmann, es gelte, den Mund zu halten und nicht zu tun, was die Feinde verlangen. Sterben, da ist sich Sam sicher, werden sie in jedem Fall.

Derweil wird Sam in den USA symbolisch zu Grabe getragen. Der schier blinde amerikanische Patriotismus wird freilich in »Brothers« angesprochen, schließlich ist er Bestandteil des Landes - insofern jedenfalls, was uns Medien und Bücher vermitteln. Hissende US-Flaggen, Save-Our-Soldiers-Aufkleber und Hank, der in der Kirche in Armyuniform steht und für seinen angeblich verstorbenen Sohn betet, lassen patriotische Gedankengänge allerdings absurd wirken. Das mag bewusst geschehen, denn obwohl sich das Drama um Objektivität müht, ist doch klar, dass es den Umgang mit Menschenleben infrage stellt. Klar ist auch, dass der zelebrierte Tod von Sam nur Bedeutung für seine Angehörigen hat und dass es irrelevant ist, ob ein Armeevertreter behauptet, er sei der beste Soldat gewesen, den er kannte. Am selben Tag würden neue Männer und Frauen entsandt werden, die schießen und erschossen werden. Der Mensch also, ein Massenprodukt, wer stirbt, wird gnadenlos ersetzt. Im Militär zumindest, im Familienleben lässt sich Sams Platz nicht so einfach neu besetzen, wie Drehbuchautor David Benioff zu schildern weiß.

Der Bruderkonflikt



Tommy versucht, ein Ersatz für seinen Bruder zu sein und nähert sich der noch immer unentschlossenen Grace. Sie weiß nicht so recht, was sie von ihrem Schwager, einem tätowierten Ex-Knacki, halten soll. Allerdings sieht sie, dass er Zugang zu ihren Kindern Isabelle und Maggie findet und sich durch die neue Verantwortung verändert. Jake Gyllenhaal wirkt im Vergleich mit Tobey Maguire zunächst auf der falschen Seite, da er rein vom Körperbau überlegen ist und besser in die Soldatenrolle gepasst hätte. Seine schauspielerische Leistung widerlegt das allerdings weitestgehend, denn sowohl er als auch Kollege Maguire verkörpern ihre jeweiligen Rollen mit derart viel Herzblut, dass man ihnen das Spiel gar nicht anmerkt. Gyllenhaal geht in seiner sowohl ernsten als auch teilweise anarchischen Figur vollkommen auf und zeigt seine Vielseitigkeit, die von romantischen bis hin zu gefühlsausbrechenden Momenten reicht, in denen er schreit, wütend ist, sich freut oder lediglich versucht, ein guter Mensch zu sein. Maguire beseitigt ebenfalls die anfänglichen Zweifel: Obwohl sich über den radikalen Haarschnitt sicherlich streiten ließe, brilliert er als Darsteller. Gänzlich kommt seine Qualität zum Vorschein, als er aus dem Flugzeug steigt und wieder Zuhause ist. Die Dramaturgie nimmt ab da richtig zu - dieser Sam ist nämlich nicht mehr der, der er vorher war.

Paranoia und Wutausbrüche scheinen ihn zu beherrschen, reden kann er nicht über das, was in Afghanistan geschehen ist. An dieser Stelle hätte »Brothers« die Behandlung traumatisierter Soldaten anschneiden können: Kommt ein Psychologe der Armee auf sie zu? Wenn nein, warum nicht? Stattdessen lässt die Story ihren Protagonisten mit sich selbst und seiner alten neuen Umwelt allein, in der er sich offenbar nicht mehr zurechtfindet. Das ist dann aber auch das einzige Offensichtliche. Regisseur Jim Sheridan inszeniert das Drama als reinen Erwachsenenfilm, der in seiner Machart äußerst pragmatisch ist, selten zeigt, wie der Nagel auf den Kopf getroffen wird und doch alles vorführt, was gewusst werden sollte. Sam zum Beispiel, der mit einer Waffe auf dem Sessel sitzt, sein Ausdruck starr und apathisch. Sam, der das Vertrauen zu seiner Frau und seinem Bruder verliert. »Brothers« avanciert schnell zu mehr als einem Kriegdrama, er formt sich zu einem Kunstwerk über Familientradition, über das Oberhaupt, über Wertvorstellungen, Stolz, Ehre und über den Preis, der für all das bezahlt werden muss. Der Bruderkonflikt ist natürlich nicht neu, diese Inszenierung kein Meisterwerk - aber äußerst spannend, dramatisch, glaubhaft und erwachsen.

Fazit:
Der Krieg ist nach dem Krieg nicht vorbei. Jim Sheridan richtet seine Kameras auf einen traumatisierten Soldaten, der seinen letzten Kampf selbst bestreiten muss. »Brothers« erweist sich als weder innovativ (schließlich ist er ein Remake) noch als Meilenstein in der Filmgeschichte, aber doch als überdurchschnittliches Familiendrama, auf das der Begriff Erwachsenenkino wie zugeschnitten ist. Die Charakterentwicklung ist vordergründig, es geht um die sich veränderten Beziehungen zwischen den Brüdern, Grace und den Kindern, es geht - sicherlich unterschwelliger - darum, zu hinterfragen, ob eine Heroisierung des Soldatenlebens, wie Hank es tut, gerechtfertigt und richtig ist. Dank großartiger Schauspieler, einem soliden Drehbuch und einer gekonnten Regie ist »Brothers« ein Werk, das den Kinogang sicherlich lohnt.

Wertung: 7,5/10

Kommentare (1)


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Filmfreak
24.01.11 - 13:50
Wieder einmal ne tolle Kinorezi von Dir, Daniel!
Liest sich prima und v.a. nachvollziehbar.
Sehr schön!

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