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Kritik: Serdar Somuncu - Ein demagogischer Blindtest (Hörbuch)

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Serdar Somuncu erweist sich immerzu als Wagnis: Sei er Hitler- oder Goebbels-Leser, Kommentator der BILD-Zeitung oder schlicht und ergreifend Kabarettist, der sozialkritische Gedanken vorträgt. Eventuell würde er das gerne anders formuliert wissen: Der Mann, der jenen Hirngespinsten Freiheit schenkt, die sich seine Mitmenschen erst gar nicht zu produzieren trauen. Es ist der intellektuelle Anspruch, den Somuncu hervorstechen lässt. Seine Themen haben eine abschreckende Wirkung auf viele Künstler, obwohl überall zu finden und allgegenwärtig, sind sie nur selten angesprochen. Der geneigte Zuschauer und Hörer muss bei seinen Programmen ethische Grenzen überwinden lernen und sollte er es vollbracht haben, wird er mit Hinterfragung konfrontiert. Der Bühnenterrorist mit dem „goldenen Edmund Stoiber-Siegel für angepasste Kanaken“ feiert nun sein 25-jähriges Jubiläum. Passend hierzu erscheint »Der Hassprediger – Ein demagogischer Blindtest« als Hörbuch.

Zwischen Cunninglingus und einer Moräne

Gewöhnlich nimmt sich Somuncu seiner Sache mit größtmöglicher Radikalität an, zumindest insofern sie sich innerhalb der eigenen Vorstellungskraft befindet – böser geht schließlich immer, ist letztlich allerdings nur die Wirklichkeit. Auch im demagogischen Blindtest widmet er sich dem alltäglichen Wahnsinn und seine Mittel sind bereits beim Aufwärmen zu erahnen: Es wird gepöbelt, beleidigt, gestänkert – und zwar gegen jeden. „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“ lautet einer der Titel dieser Veröffentlichung und es möchte als Leitfaden für das Gesamtprodukt herhalten. Ein spezifisches Konzept wie bei einigen seiner Kollegen gibt es hingegen nicht – kann man sich bei Kaya Yanar auf eine Art interkulturellen Humor einstellen, bei Johann König auf Alltagsanekdoten und bei Dieter Nuhr auf eine Mischung zwischen Philosophie, Religion und Gesellschaftskritik, so fördert Serdar Somuncu ein Querbeet aus allen Bereichen zutage. Politische Themen bleiben freilich nicht außen vor, wobei zum Teil deren Datierung problematisch für jene sein mag, die sich nicht für Politik interessieren. Der Hassprediger spricht z.B. latent den Verdacht des Besitzes von Kinderpornographie an, der gegen Jörg Tauss (SPD) vor rund zwei Jahren erhoben wurde. Kennt man dieses Ereignis nicht, zündet der Humor nur schwerlich. Ähnliche Schwierigkeiten hat das »Warm Up«, in welchem er sich über einen der Teilnehmer eines längst vergangenen Eurovision Songcontest belustigt – wer sich nicht an die Veranstaltung erinnern kann, wird nicht unbedingt Anlass zum Lachen finden. Zum Glück bleibt die Anzahl der Gags, die lustiger wären, würden sie aktueller sein, überschaubar. Größtenteils spricht Somuncu über Dinge, die zum Zeitpunkt der Aufnahmen (Mai 2010) genauso präsent waren wie sie es heute sind.

Allerdings zeichnen sich elementare Unterschiede zwischen den beiden Tonträgern ab. Während er auf der ersten CD in inflationärem Ausmaß schimpft, die Fäkalsprache geradezu missbraucht und sein mögliches Niveau nicht ausschöpft, bietet erst die darauffolgende Scheibe den nachdenkenden Somuncu. Da geht es dann nicht mehr um den Cunninglingus oder das weibliche Geschlechtsteil, sondern um Schule, um Fantasien, um Obdachlosigkeit, darüber, wie er (angeblich) seine ersten Gehversuche als Schauspieler erlebt hat und natürlich um sein Lieblingshassthema Fernsehen. Bei letzterem kristallisiert sich zwar keine Problematik aufgrund der Datierung heraus – weil sie kurzum weder eine Rolle spielt noch genannt wird -, sondern dadurch, dass »Ein demagogischer Blindtest« ein Hörbuch ist. In einem Part lässt sich Somuncu über eine Sendung aus, in der offenbar eine Moräne zu sehen war, die gefüttert werden sollte, jedoch ohne Hunger zu haben – wer die Nummer live oder auf der Mattscheibe gesehen hat weiß, dass sie äußerst lustig ist; als Hörspiel fehlt die Illustration allerdings merklich. Warum es ein Hörbuch und keine DVD wurde, ist ohnehin fragwürdig. Seine Lesungen »Aus dem Tagebuch eines Massenmörders« (Hitler) oder »Diese Stunde der Idiotie« (Goebbels) funktionieren als Audioaufnahme zweifellos besser, doch bei seinen neueren Programmen – darunter »Der Hassprediger liest BILD« (welches als DVD erhältlich ist) - tragen Mimik und Interaktion (wie z.B. mit Wasser spritzen) mit dem Publikum deutlich zur Stimmung bei.

Diesem Eindruck entgeht man hier leider. Der inhaltlichen Relevanz seines Themenspektrums tut das selbstredend keinen Abbruch, was Somuncu nämlich neuerlich beherrscht, ist das Hinterfragen des Selbstverständnisses aller. Das bewerkstelligt er mehr durch seine Reflektionen und weniger durch seine Bösartigkeit. Denn was aus seinem Mund kommt, mag zur Hälfte den Spinnereien eines Intellektuellen entsprungen sein, es ist trotzdem allgegenwärtig. Fernsehformate, die zur Generalisierung sozial (oder wie auch immer) Benachteiligter beitragen, Unterschiede, die zwischen „Ausländern“ und „Deutschen“ gemacht werden oder Menschen, die Straftaten aus „Recherchezwecken“ begehen. Geschehnisse eben, die uns umgeben, die aber selten konstruktiv überdacht werden. Somuncu-Fans seien noch darauf hingewiesen, dass sie einige Teile des Blindtest bereits kennen werden und entsprechend wenig Neues erwarten sollen. Das Release gleicht mehr einem kleinen Best-Off, wobei ohnehin kein Somuncu-Auftritt dem anderen gleicht.

Fazit:
Gewiss verlangt Serdar Somuncu seinem Publikum einiges ab. Das ist bei » Ein demagogischer Blindtest« des selbsternannten Hasspredigers nicht anders. Inhaltlich schwächelt die erste CD aufgrund übermäßigen und derben Fäkalhumors etwas, die zweite offenbart hingegen den nachdenklichen und kritischen Künstler. Er überdenkt brisante Themen, interessiert sich nicht für politische Korrektheit und reißt alle Freiheiten an sich, die er benötigt, um zu sagen, was sich Andere nicht zu denken trauen. Hinsichtlich einiger Gags, deren Wirkung durch eine Illustration verstärkt worden wären, hätte ein DVD-Release sicherlich bleibenderen Eindruck hinterlassen. Ansonsten ist es eben der bekannte radikale Somuncu, was leider die ein oder andere altbekannte Nummer impliziert (ein Umstand, der mitunter auf das Alter der Aufnahmen zurückzuführen ist). Folglich hält das Hörbuch für harteingesessene Somuncu-Fans nur wenig Neues bereit, unterhaltsam ist es trotzdem. Wer ihn noch nicht kennt, sollte sich vielleicht erst ein paar Videos im Internet ansehen, ehe er zugreift. Denn: Somuncu ist eigenartig und nicht jedermanns Geschmack.

Wertung: 7,5/10

Tracklist:

CD1:
1. Warm Up (10:06)
2. Worum es geht (3:03)
3. Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung (2:50)
4. Zum Programmtitel (1:58)
5. Recherche (14:43)
6. Was passiert hier? (23:13)

CD2:
1. Kindheit & Schule (11:06)
2. Konvervatorium & Obdachlosigkeit (2:23)
3. Komische Phantasien (3:09)
4. Schauspieler werden (5:07)
5. Deutschsein (1:11)
6. Hitler spielen (8:58)
7. Fernsehen (2:24)
8. Das ist aus mir geworden!? (11:13)
9. Heute bin ich Prophet (3:23)

ISBN: 978-3-8371-0256-7

Kommentare (1)


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Filmfreak
28.01.11 - 00:47
Feine Kritik von Dir Daniel zu diesem ersten Hörbuch auf unserer Seite!

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