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Kritik: The King´s Speech

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Drehbuchautor David Seidler und Regisseur Tom Hooper sind zynische Zeitgenossen: »The King’s Speech« ist nämlich ein fast schon höhnischer Titel für einen Film, dessen Hauptfigur immense Sprachschwierigkeiten aufweist. Albert (Colin Firth) ist Herzog von York, zweitältester Sohn von König George V. und Stotterer. Eine ungünstige Kombination, die den Blautbluter vor immer wiederkehrende Probleme stellt. Sie spitzen sich zu, als er erstmals eine Hörfunkansprache halten soll - aufgrund seiner stotternden Aussprache eine schier unlösbare Aufgabe, an der er scheitert. Ein Sprachtherapeut soll helfen, doch der steckt ihm nur Kugeln in den Mund, an denen er zu ersticken droht. Alberts Frau Elizabeth (Helena Bonham Carter) entsendet ihren Gatten daraufhin zu Lionel (Geoffrey Rush), doch dessen unorthodoxe Behandlungsmethoden sind dem Adligen zuwider. Noch.

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!



"Mein Schloss, meine Regeln", erklärt Lionel geschwindt und redet seinen neuen Patienten mit dessen Spitznamen Bertie an. Bertie, der es gewohnt ist, entsprechend seines Adelsstandes behandelt zu werden, findet daran kaum Gefallen. Zu diesem Zeitpunkt ist ihm nämlich nicht klar, wie wichtig die Arbeit mit Lionel werden wird - dem Mediziner schon. In schier weiser Voraussicht lässt er Bertie den berühmten Monolog "Sein oder Nichtsein" aus Shakespears »Hamlet« vortragen. Für Albert dreht es sich genau darum: Sein Sprachfluss entscheidet darüber, ob ihn die Anderen für eine Lachnummer halten oder ihn ernstnehmen. Als möglicher künftiger König sollte besser letztgenanntes der Fall sein, obschon Albert generell nicht gern in der Öffentlichkeit steht und sich lieber im Kreise seiner Vertrauten aufhält. Dass er das nicht wahrhaben möchte, mündet schließlich darin, dass er die SItzung beendet und (eigentlich) nicht wiederzukehren gedenkt. Den von ihm gesprochenen Part des Shakespeare-Stückes bekommt er von Lionel auf Schallplatte geschenkt. Anhören will er sie nicht ...

... doch er tut es trotzdem und stellt fest, dass er nicht gestottert hat. Denn aufgrund lautstarker Musik während der Aufnahmen konnte er seine Stimme selbst nicht wahrnehmen, Lionel jedenfalls erscheint ihm plötzlich kompetent; er sucht ihn erneut auf. Das ist der Zeitpunkt, an dem die tatsächliche Handlung von »The King’s Speech« beginnt. Das Stottern wird sekundär und die Schutzmauer, die sich Albert aus seinem Adelstitel gebaut hat, bröckelt. Lionel avanciert zu einem Psychotherapeuten, der versucht, dem Problem seines Gegenüber auf die Schliche zu kommen. Das verschafft dem Geschichtsdrama unerwartete Tiefe, da so Details aus dem Leben des Herzogs ans Tageslicht geraten, die womöglich nicht den Erwartungen entsprechen, die einer blaublütigen Familie entgegengebracht werden: Albert, der schon als Kind gehänselt wurde und der noch immer nicht für voll genommen wird. Vor allem nicht von seinem Bruder, der nach dem Tod George V. den Thron besteigt. Dass Albert selbst die Krone aufgesetzt bekommt, ist freilich kein Geheimnis, raubt dem Film dennoch keinen Tropfen Spannung.

Das i-Tüpfelchen



Erklärbar ist dieser Umstand nicht nur den Rest der Story, sondern vor allem durch ihre Darsteller. Colin Firth, der vollkommen zu Recht für diese Rolle einen Oscar bekam, spielt mit einer Hingabe, von der sich manch anderer Schauspieler eine Scheibe abschneiden könnte. Herzergreifend, wie er schüchtern und wütend zugleich sein kann, wie er es schafft, das sich aufbauende Vertrauen zwischen Albert und Lionel charakteristisch darzustellen - ein Blick, eine Mimik oder kein Genörgel, wo sonst eines war. Er schreit und pöbelt, wirft mit Obszönitäten um sich, sofern es sein Mediziner verlangt, dennoch behält er seinen eigenen Kopf und weigert sich, wenn er das Gefühl hat, es erfülle keinen Zweck. Neben dieser schauspielerischen Wucht droht Geoffrey Rush als Lionel unterzugehen, mag man meinen - allerdings ist dem gänzlich anders. Er blüht regelrecht auf als Lionel, der Hobby-Schauspieler ist, der seine Kinder belustigt und Anspielungen auf verschiedene Dinge loslässt, während er spitzbübisch grinst, um im nächsten Moment seriös dreinzublicken. Sowohl Helena Bonham Carter als Elizabeth als auch der sämtliche Cast übernehmen neben den beiden genannten Herren zwar nur Nebenrollen, doch wissen sie die Hochnäsigkeit des Adels solide und glaubhaft zu interpretieren. Wären ihre Filmrollen vordergründiger, wären sie es qualitativ sicherlich auch.

Obwohl ich voll des Lobes bin, fehlt »The King’s Speech« das letzte Tüpfelchen. Was zum Beispiel von Interesse gewesen wäre, ist nicht nur die Vergangenheit und die unmittelbare Zukunft Alberts, sondern jene Geschichte, die sich nach seiner Krönug abspielt. Wie schafft er es, die Gunst des Volkes, das ihn lange nicht ernstnahm, auf seine Seite zu ziehen? Was wird aus ihm? Kann er sich mit der Öffentlichkeit anfreunden oder scheut er sie weiterhin, nimmt sie nur dann wahr, wenn er muss? Die Ergänzung hätte natürlich nicht unnötig lang ausfallen sollen, ein paar mehr Minuten hätten der Kurzweiligkeit sicherlich nicht geschadet und insbesondere versierteren Historienfans einen besseren Einblick in die Regentschaft Alberts verschafft, gleichwohl sich »The King’s Speech« eben primär um die Persönlichkeit und nicht den König dreht. Kann man es ihm also ernstlich zum Vorwurf machen, dass er die Zeit, in der Albert der höchste Monarch ist, fast vollständig ausblendet? Wahrscheinlich nicht. Immerhin wagt sich das Drama, Kritik am monarischen System zu äußern. Albert belustigt sich beispielsweise darüber, dass formell zwar nur Gott über ihm steht, er aber von wenigen Entscheidungen weiß - und sie trotzdem vertreten muss, als seien sie seine eigenen.

Fazit:
Colin Firth verewigt sich spätestens mit seiner sensiblen und ergreifenden Leistung in »The King’s Speech« als Schauspieler - und den Film gleich mit. Getragen wird die Geschichte um Albert vornehmlich von ihm und Geoffrey Rush, denen man das Aufkeimen einer freundschaftlichen Beziehung anzusehen meint. Das Zusammenspiel aus Cast, Drehbuch und Regie zaubern ein ergreifendes Drama, das in Erinnerung bleibt - trotz gelegentlicher Oberflächlichkeit und trotz dem zu frühen Ende. Wünschenswert wäre gewesen, wenn mehr über die Zeit nach Alberts Krönung gezeigt werden würde.

Wertung: 8,5/10

Kommentare (3)


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eichi
22.02.11 - 21:53
sehr schön, dass du für diese tolle kritik zeit gefunden hast. entgegen meinen beiden vortippern, bin ich allerdings nicht voller freude auf diesen film, da ich ihn thematisch (für mich) eher uninteressant finde!

könnte aber durchaus sein, dass er mir mal unter die finger kommt!

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Kiddow
22.02.11 - 21:51
Sehr schöne Kritik....freu mich schon den Film zu sehen!

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Filmfreak
22.02.11 - 21:07
Da mir im Filmbereich historische Werke sehr gut gefallen, freue ich mich nach dieser Kritik schon sehr auf die Heimauswertung!
Ich bin gespannt...
Fein geschriebenes Review von Dir, Daniel!

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