Special-Review: Test Drive Unlimited 2 (Videospiel)

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Wer primär in der Großstadt unterwegs ist weiß: Autofahren kann eine echte Tortur sein. Erst vor ein paar Tagen bin ich nur knapp zwei Unfällen entgangen, weil so manch Verkehrsteilnehmer Regelungen nach Gutdünken auslegt. »Test Drive Unlimited« (2006) war da ein deutlich stressfreierer Rennspaß: Ihr durftet in Luxuskarossen sitzend über hawaiianische Straßen cruisen und mit selbigen an Wettbewerben teilnehmen. Nun ist der Nachfolger erschienen und verspricht Ähnliches auf Ibiza: Teure Schlitten, ein Einzelspielermodus mit Story und natürlich jede Menge herausforderungen.

Das Nickerchen auf der Karriereleiter



Während der Arbeitszeit sollte eigentlich kein Nickerchen gehalten werden, doch wenn es zu einer Rennkarriere führt - warum nicht? Unser Protagonist träumt davon, von seiner Freundin bei seiner Geburtstags- und Poolparty einen fabrikneuen Ferrarie in die Garage gesetzt zu bekommen. Allerdings wird er alsbald von einer Kundin geweckt, die über sein Schläfchen alles andere als erfreut ist und petzen will. Als letzte Chance soll er sie zu einem PR-Termin fahren. Sollte er sie rechtzeitig abliefern, würde sie ihn bei der Veranstaltung "Solar Crown" anmelden - als Ersatzfahrer. Kinderspiel. Wenig später dürft ihr euch eure erste Karre beim Gebrauchtwagenhändler aussuchen, die freilich alles andere als luxuriös ist. Aber hey: Sie fährt und ist euer Einstieg in die Racingscene von Ibiza. Zur Hälfte jedenfalls, denn trotz eigenem fahrbaren Untersatz könnt ihr an vielen Events (noch) nicht teilnehmen. Was braucht man, um fahren zu dürfen? Richtig: Einen Führerschein.

»Test Drive Unlimited 2« malträtiert euch geradezu mit Fahrschulen, in denen ihr mit unterschiedlich starken Bolliden immer dieselben Übungen und Prüfungen über euch ergehen lassen müsst: Ein bisschen Kurven- und Slalomfahren, driften, rechtzeitiges Bremsen und Ausweichen. Für Bestzeiten gibt es weder eine Medaille noch einen Geldpreis, am Ende der Schulzeit wird lediglich zwischen bestanden und durchgefallen unterschieden. Motivierend ist das nicht, jedoch sind die so zu erwerbenden Lizenzen Voraussetzung, um an den Veranstaltungen teilzunehmen, die abwechselnd auf der Straße und auf dem Land stattfinden. Erfahrene Spieler werden sich sogar gelangweilt führen, da die Übungsfahrten weder innovativ noch prinzipiell fordernd sind. Bloß aufgrund der zum Teil arg schwammigen Steuerung - insbesondere bei Autos mit viel PS unter der Haube - wird so mancher Slalomlauf zur Nervensache. Etwas besser im Griff habt ihr eure Karre durch aktive Fahrhilfen (z.B. Traktioskontrolle und ABS), ein zufriedenstellendes Ergebnis kommt dennoch erst mit zunehmender Spielzeit zustande.

Das Schadensmodell, das keines ist



Nach den bestandenen Fahrprüfungen warten erste Herausforderungen auf euch. Nennenswerte Neuerungen gegenüber dem ersten Teil in Sachen Konzeption sind hier vergeblich zu suchen. Klassische Rennen um den ersten Platz wechseln sich mit Zeitrennen ab, gelegentlich fällt der letzte Teilnehmer pro Runde aus dem Renngeschehen. Außerdem müsst ihr euch mit einer höheren Geschwindigkeit, als die anderen Fahrer sie haben, blitzen lassen, um einen Wettbewerb zu gewinnen. Das klingt alles so einfach, wie es letztendlich ist, denn die KI der Kollegen ist nicht besonders hoch. Sie folgen der Ideallinie, lassen sich dementsprechend auf keine Schubsereien ein (sie kommen gar nicht erst auf die Idee, euch von der Straße zu drängen - zumindest nicht vorsätzlich) und sind in der Regel deutlich langsamer als ihr. Wenn ihr nach 1-2 Runden einen Vorsprung von 6 Sekunden und mehr habt, ist klar, wer als Gewinner aus dem Auto steigt. Selten tritt er so genannte Gummiband-Effekt ein, bei dem euch die Gegner wortwörtlich am Auspuff kleben. Das einzige Wort, das diesen Umstand passend beschreibt, ist: Unausgewogen. Zumal sich immerzu dieselben 1-2 Rennfahrer abheben, während es sich der Rest auf den hinteren Plätzen gemütlich macht.

Um für Abwechslung und Spannung zu sorgen, hat man sich bei Atari gedacht: "Erschaffen wir das Wetter!" Das haben sie auch getan, so dass sich die Wetterlage zwischen sonnig und regnerisch wechselt, was seine Konsequenzen beim Fahrverhalten nach sich zieht. Bei nasser Piste bricht eure Karre leichter aus als bei trockener, wobei das Kernproblem so oder so darin liegt, dass es schwer ist, ein Geschwindigkeitsgefühl zu entwickeln - besonders nachts (nun gibt es einen Tag-/Nachtwechselmodus), da man in seiner Sicht sowieso eingeschränkt ist.. 50 km/h fühlen sich für mich genauso an wie 250 km/h - einmal vergessen, vor einer herannahenden Kurve auf den Tacho zu gucken, schon mache ich unliebsame Bekanntschaft mit dem Graben oder einem Baum. In so einem Fall tritt das Schadensmodell in Kraft, an das viele große Erwartungen gehegt haben. "Kann meine Karre schrottreif sein?", "Wird es einen Pannenservice geben?", "Was, wenn mein Rad wegfliegt?" - all das wird nicht passieren. Die Schäden begrenzen sich auf Schrammen und Dellen - selbst dann, wenn ihr mit 300 Sachen ins Schleudern geratet und euch mehrfach überschlägt. Zum Gähnen.

Mein Haus, meine Nase, mein Auto, mein anderes Spiel



Mehr Spaß als die Stadtrennen machen die Herausfordungen auf dem Land. In der Pampa rast ihr mit wunderschönen Fahrzeugen wie einem VW Touareg zwischen Bäumen herum, kracht über Brücken und macht eure Karre richtig dreckig. Schmutz, sich nicht schlecht in das Spiel einfügt, gibt es nun nämlich auch. Wer seinen geliebten Schlitten lieber sauber mag, kann ihn sich für ein paar hundert Euro an der nächstgelegenen Waschanlage abwischen lassen. "Nächstgelegenen" ist hierbei allerdings relativ zu verstehen: Die Spielwelt ist groß. Verflucht groß. Zwar habt ihr eine Karte zur Verfügung, mit deren Hilfe ihr bequem von A nach B springen könnt, doch müsst ihr B schon einmal manuell befahren haben. Bedeutet: Um von einem Punkt zum anderen zu fahren, müsst ihr schonmal mit einer langen, langen, langen, langen, langen ... Fahrt rechnen. 50 Kilometer oder gar mehr sind nicht innerhalb weniger Sekunden hinter sich zu bringen, aber von nöten, um z.B. das nächste Event auf dem anderen Ende der Insel zu beginnen. So macht das keinen Spaß - ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie oft ich gelangweilt die Konsole ausgeschaltet habe, weil ich einfach nicht den Nerv hatte, so lange Fahrten auf mich zu nehmen und zu wissen, dass ich doch eigentlich bequem teleportiert hätte werden können.

Bei den freien Erkundungsfahrten kristalisieren sich jedenfalls technische Ungereimtheiten heraus - insbesondere wenn ihr fernab der Straße unterwegs seid, um die Strecke abzukürzen. Popups und bisweilen starke Ruckler stehen an der Tagesordnung - und das obwohl sich die Grafik seit dem ersten Teil keinen Deut gebessert hat. Ärgerlich sind die aufpoppenden Objekte vor allem bei den Rennen, wenn bspw. beim Start aus heiterem Himmel vor euch ein gegnerisches Fahrzeug aufpoppt, das da nicht hingehört. Nicht nur durch den technisch unterirdischen Zustand macht »Test Drive Unlimited 2« den Eindruck, auf die schnelle auf den Markt geworden worden zu sein. Es gibt überdies nur zwei(!) Radiosender, deren Lieder sich schnell wiederholen, in der PC-Version funktionieren die Server (noch) nicht wie sie sollen.

Als Trostpflaster dürft ihr euer virtuelles Leben auf Ibiza nach Lust und Laune gestalten. In der Schönheitsklinik lässt sich das Gesicht eures Avatares nach Belieben verändern, der Friseur verpasst euch eine neue Frisur und das Eigenheim - zunächst ein Trailer, danach selbstredend eine luxuriösere Bleibe - lässt sich farblich dem Geschmack entsprechend anpassen. Optisch lassen sich auch eure Fahrzeuge, die in der Garage untergebracht sind, verbessern, außerdem könnt ihr sie in Fachwerkstätten tunen. Alles nette Spielereien, die den Langzeitspielspaß allerdings nur bedingt fördern: Irgendwann sieht der Avatar aus, wie man ihn möchte, irgendwann sind die Kleidergeschäfte, in denen ihr euch einkleiden könnt, leergekauft und irgendwann...irgendwann geht die Lust auf die Rennsimulation flöten und ihr widmet euch einem anderen Spiel. Sobald die Online-Connection auf allen Plattformen vernünftig funktioniert, könnte die Rettung für TDU2 nahen: Hier sollen online Kontakte geknöpft werden können, es gäbe einen Koop-Modus und man könne gegen andere Spieler antreten. Testberichte unserer Kollegen belegen dies, so dass besonders Online-Fans mehr Spaß mit dem vorliegenden Titel haben dürften als Einzelspieler.

Die oscarreife Story



Wir von filmempfehlung.com sind natürlich epicht auf eine filmreife Inszenierung einer Geschichte. »Test Drive Unlimited 2« bietet eine Geschichte, deren Illustration allerdings alles andere als film-, geschweigedenn reif ist. Abgesehen davon, dass der Aufstieg eines Niemanden zu einem Jemanden nicht neu ist (was wir durchaus gewillt sind zu verkraften), die bildliche Inszenierung nicht vom Hocker haut, so ist die Synchronisation ein einziger riesiger Witz, der es uns an dieser Stelle nicht ermöglicht, beide Augen zuzudrücken. Unglaublich schlechte deutsche Texte, noch schlechtere SynchronsprecherInnen und zum Teil hörbar technisch veränderte Stimmen - manchmal gar so verändert, dass sie unnatürlich hoch und unfreiwillig komisch klingen. Das muss nun wirklich nicht sein und raubt der ohnehin mäßigen Handlung das restliche Potenzial. Wer kann und will, sollte die Sprachausgabe unbedingt auf Englisch umstellen.

Fazit:
Es schmerzt ein wenig im Herzen, dass der noch packende erste Teil einen derart verhunzten Nachfolger aufgesetzt bekommt. Technisch wie grafisch schwankt »Test Drive Unlimited 2« zwischen nicht mehr zeitgemäß und unter aller Sau, die Rennen sind unausgewogen, die Steuerung aufgrund des schwer zu bekommenden Geschwindigkeitsgefühls selten präzise zu bedienen. Zwei Radiosender in das Spiel zu integrieren - in Zeiten nach GTA IV, in dem wir sage und schreibe 19 Sender hören konnten! - und den Spieler gleichzeitig unendlich lange von A nach B fahren zu lassen, statt ihm eine (ohnehin verfügbare) Teleportation zu ermöglichen, macht wenig Sinn und sieht nach "beenden wir die Entwicklung einfach und sehen, wie viel wir damit trotz unendlicher Ungereimtheiten verdienen"-Strategie aus.
Dennoch darf das ein oder andere Lob ausgesprochen werden: Die Fahrzeuge sehen klasse aus, die Idee, auch durch die Pampa zu fahren macht sich gut, das wechselhafte Wetter fügt sich prima in die Atmosphäre ein und ergänzt den Tag- und Nachtwechsel. Viel Potenziel, wenig adäquate Umsetzung.

Wertung: 4,5/10

Kommentare (1)


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Filmfreak
28.02.11 - 07:05
Ich habe in den letzten Tagen so manche Rezension über diesen Nachfolger gelesen und durch die Bank waren sich beinahe alle einig:
Ein Spiel bei dem die Fangemeinde mehr als enttäuscht wurde...

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