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Kritik: Faster

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Kein vernünftiger Mensch würde Dwayne Johnson gerne als seinen Feind wissen: Breit wie ein Schrank und zumindest teilweise in seinen Filmen zu allem bereit, ist es sicherlich kein Vergnügen, ihn am Hals zu haben. In seinem neuen Streich »Faster« bekommen das gleich mehrere Personen zu spüren, die er nach seiner Haftentlassung um die Ecke bringen möchte. Seine Motivation: Rache. Ob die Cinemawelt einen weiteren Racheengel benötigt, ist freilich fraglich, hat sie schließlich schon mehr als genug. Die Antwort ist klar: Ja! Sofern er gut ist. Wirklich gut. Sein Handwerk versteht, interessant ist und das gewisse Etwas besitzt, das ihn von seinen unzähligen Vorgängern und Kollegen abheben lässt. Driver (Johnson) hat es schwer, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Aber: Er will scheinbar ein Cowboy sein, also gönnen wir ihm den Spaß zunächst …

“Wo ist der Ausgang?“



Seine Mitgefangenen werfen ihm drohende Worte entgegen, während er von zwei Wärtern durch die Gefängniskorridore geführt wird. Im Büro des Knastdirektors geht es um seine anstehende Entlassung, obwohl er offenbar einige Häftlinge attackierte. Den Streit habe er nie gesucht, heißt es, sei ihm aber auch nicht aus dem Weg gegangen. Driver gehört zu den harten Burschen, den stillen Gewässern, denen man nicht zutraut, was sie getan haben und tun werden. Wer ihm zu nahe kommt, wird es bereuen, sagt sein Blick, den er einen Tick zu cool auf seinen Gesprächspartner richtet, als dieser wissen möchte, ob er noch Fragen hat. „Wo ist der Ausgang?“, lautet die Antwort. Sekunden später prescht er mit einer Visitenkarte in der Hand aus der Anstalt. Das Stück Papier, auf dem Telefonnummern stehen, die er wählen soll, wenn er in Schwierigkeiten gerät, wirft er in den Wind – just in dem Moment ertönt Rockmusik, »Faster« will hart sein, wird sich zeigen, akustisch wie visuell. Ein Taxi sucht Driver vergebens, er rennt zu einem Schrottplatz und besorgt sich sein Pferd… äh, sein Auto, in dem eine Waffe und eine standesgemäße Lederjacke bereitliegen. Driver hat noch viel vor. Aus dem Handschuhfach fischt er einen silbernen Revolver, sieht sich die Kugeln an, lässt die Reifen seiner Karre durchdrehen, als würde er sagen wollen: let’s rock.

Es gibt sie, die großen Rachefilme, die durch Innovation und/oder eine brachiale Inszenierung bleibenden Eindruck hinterlassen: »V wie Vendetta«, »Man On Fire« oder weitestgehend »Der blutige Pfad Gottes« zum Beispiel. Vorneweg: »Faster« gehört gewiss nicht dazu. Der erste Mord, den Driver begeht, ist maßgeblich für fast alle folgenden: Er macht sein Ziel ausfindig, marschiert locker lässig in dessen Haus oder Arbeitsort, drückt den Abzug und verschwindet wieder. Selten verliert er ein Wort, der Ex-Soldat (eine Eigenschaft, die übrigens weder für den Handlungsstrang noch die ohnehin magere Charakterentwicklung eine Rolle spielt) ist wortkarg, was sich nicht unbedingt positiv auf das Filmgeschehen auswirkt. Was in dem muskelbepackten Mann vorgeht, bleibt nahezu konstant sein Geheimnis – was wohl besser so ist, denn der Klügste scheint Driver nicht zu sein. So geht er beispielsweise seelenruhig in ein vollbesetztes Büro, zieht sein Schießeisen, schießt einem Mitarbeiter in den Kopf, sieht in die Überwachungskamera und verduftet wieder. „Ein Actionfilm muss doch nicht realistisch sein!“, werden nun einige schreien und haben damit sicherlich Recht. Allerdings hat Stumpfsinn seine Grenzen, deren Überschreitung in Unglaubwürdigkeit mündet. Gäbe es eine Standardformel, nach der Actionfilme gedreht werden, für die Drehbuchautoren und Regisseure keine Ideen haben, wäre ihr oberstes Ziel: Dumm sein. Das schafft »Faster« wiederum anstandslos.

Milchbubi-Killer



Es bleibt nämlich nicht nur beim Problemkind Driver, nach dem bald schon die sehr langsame Polizei (in Person Cop [Billy Bob Thornton] und Cicero [Carla Gugino]) fahndet. Auch kommt Killer (Oliver Jackson-Cohen) - ja, die Tätigkeit der Figuren dient dem Film gleichsam als Namen -, ein Milchbubi in feinem Zwirn und Sportwagen, der Stereotyp eines Serienkillers auf die Tanzfläche. Eine heiße Freundin (Maggie Grace) fehlt ihm natürlich ebenso wenig wie Arroganz. Sein neuester Auftrag: Er soll Driver töten. Dürfte so schwer nicht sein, denkt er, und folgt ihm. Doch beider Unfähigkeit tritt in einer wunderschönen Szene ins Rampenlicht: Obwohl Regisseur George Tillman Jr. beide Männer als Präzisionsschützen inszeniert, die aus freier Hand ein Ziel problemlos treffen, schießen sie im offenen(!!!!) Flur aneinander vorbei, obwohl sie sich gegenüberstehen. Was soll der Quatsch? Sicher, Driver kann Killer nicht töten und Killer nicht Driver, sonst wäre der Film zu Ende, doch sollte man so eine Situation doch besser lösen als die Beiden einfach vorbeischießen zu lassen. Vor allem unter dem Aspekt betrachtet, dass »Faster« stellenweise irgendwie einen modernen Western darstellen möchte. Wenn Driver in seinem Auto zum Beispiel der Sonne entgegenfährt, wenn sich Jäger und Gejagter gegenüberstehen, wenn Western-Klingeltöne zu hören sind, dann sind das durchaus interessante und ausbaufähige Ansätze, die allerdings durch die Kreativitätslosigkeit, die sich von der ersten bis zur letzten Minute bemerkbar macht, zunichte gemacht werden.

Sogar der Action solltet ihr keine besonderen Erwartungen entgegenbringen. Es gibt gelegentlich etwas auf die Fresse – wobei die körperlichen Auseinandersetzungen durch den von Beginn an heroischen Auftritt Drivers eher unspektakulär und vorhersehbar sind -, ab und zu eine kurze Verfolgungsjagt, ansonsten löst sich hier und da ein Schuss. Das war es dann schon, abgesehen von gelegentlichen Nahaufnahmen der Verletzungen – wie z.B. Schusswunden – sucht man außergewöhnliche Bilder vergebens. Und weil die Filmfiguren untereinander eher spärlich kommunizieren, kommt die ohnehin sehr flache Story nicht in Gang und ist nach knapp einer halben Stunde sogar irrelevant. Gen Ende versucht sich »Faster« mit einem Twist zu retten, der sich jedoch schon lange vorher selbst ankündigt. Schauspielerisch kann Carla Gugino gefallen, obwohl sie nur selten zu sehen ist, Dwayne Johnsons Darstellung ist eher so lala – nicht weltbewegend oder beeindruckend, eben so, wie es dem gesamten Titel entspricht.

Fazit:
Nachdem sich Dwayne Johnson in den letzten Jahren mit Filmen wie »Zahnfee ohne Plan« eher umgänglich gezeigt hat, schien er sich mit »Faster« wieder als Actionheld zurückmelden zu wollen. Dafür hätte er sich jedoch ein anderes Projekt aussuchen sollen, denn unterm Strich ist der Film das, was dabei herauskommt, wenn sich ideenlose Köpfe zusammentun und beschließen, genau das zu machen, was schon vor Jahrzehnten langweilig war: Stell‘ dir vor, da kommt einer und ballert alles weg, hat keine Geschichte zu erzählen und kann sich auch nicht weiterentwickeln. Und stell‘ dir vor, dann kommt einer, der gerade seine Milchzähne verloren hat, und will ihm den Hintern versohlen. Ersetze Gespräche durch ein paar Waffen, ein bisschen Blut und Morde und voila: Du hast einen Film, den du sehen kannst, es besser aber unterlässt, denn selbst nachdem du ihn gesehen hast, wirst du ihn schneller vergessen haben als er gedauert hat.

Wertung: 4,5/10

Kommentare (3)


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Chev
14.03.11 - 11:41
So, hab den Film gesehen. Ausführlichen Kommentar hier in FE.
Kann Jason zwar im Großen und Ganzen zustimmen, aber so schlecht fand ich ihn nun auch wieder nicht.
Jason gab zwar 4,5 Punkte von 10 und bei mir schafft er es etwas
höher.
Es ist eben echt "seichte" Unterhaltung.

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Chev
11.03.11 - 08:54
Oha, ich hatte mich auf den Film ja schon ein bisschen gefreut, aber nu bin ich wieder auf dem Teppich.
Sehr schöne Kritik, ich hoffe ich kann sie ausblenden und den Film unvoreingenommen anschauen. Ich mein... eigentlich darf man von The Rock ja eh nicht viel erwarten. Walking Tall und Rumble in the Jungle waren nun auch keine Meilensteine der Filmgeschichte. Vin Diesel kommt in den meisten seiner Filme auch mit wenig Text aus, dafür überzeugen aber die Actionszenen, was hier nicht der Fall zu sein scheint.

Hmmm, ich bin gespannt - nochmal gute Kritik !

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eichi
11.03.11 - 07:42
sind das nicht genau die art von actionfilmen, die wir manchmal doch auch sehen wollen?!

schöne kritik mit einer interessanten bewertung, die sicher nicht jedermanns geschmack treffen wird!

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