Special-Review: Dragon Age 2 (Xbox 360)

Share
Vor rund zwei Jahren gelang BioWare mit »Dragon Age: Origins« ein nachhaltiger Wurf in die Videospielbranche: Fachmagazine überschlugen sich mit selten hohen Wertungen, Fans aus aller Welt waren begeistert – und heiß auf einen würdigen Nachfolger. In diesem nun erschienenen schlüpft ihr in die Rolle von Hawke, einem der letzten überlebenden Menschen, der mit seiner Familie nach Kirkwall flüchtet. Es ist wichtig, sich mit dem Protagonisten identifizieren zu können. Und eines hat man zumindest während der ersten Stunden oft mit ihm gemein: Den Fluchtgedanken.

Das „neue“ »Dragon Age 2«



Fragen über Fragen, die eine junge Frau von einem Zwerg beantwortet wissen will: Sie möchte mehr über einen gewissen Champion erfahren, doch ihr Gegenüber führt sie an der Nase herum. Die Wahrheit soll er sprechen, fordert sie, und schließlich tut er dies mehr oder weniger. Freilich bietet es sich an dieser Stelle an, in die Rolle dieses geheimnisvollen Mannes zu schlüpfen – und genau das müssen wir folgend tun. Champion heißt da allerdings noch Hawke, ein schwarzhaariger, vollbärtiger Mann, der mit seiner Familie nach der Schlacht um Ostagar nach Kirkwall flüchtet. Das suggeriert einen dramatischen Einstieg, der dem Vorgänger gerecht wird, aber schnell macht sich die Vermutung breit, dass dieses »Dragon Age« nicht viel mit »Origins« zu tun habe. Dabei beginnt die Geschichte im Prinzip nicht verkehrt: Der Zwerg schmückt sie nach Belieben aus, die Dame möchte nur das in Erfahrung bringen, was tatsächlich passiert ist – und jenes dürfen wir selbst bestimmen, in dem wir die Erzählung nachspielen. Deren Inszenierung entpuppt sich jedoch schnell als dürftig; sowohl in technischer wie in erzählerischer Hinsicht. Der erste realisierbare Rückschritt gegenüber dem ersten Teil sind die Kämpfe: War damals noch taktisches Geschick erforderlich, könnt ihr hier in brachialer Hack’n’Slay-Manier auf die Tasten kloppen und die aufkommenden Gegnermassen niedermetzeln. Das erfolgt dann zumindest standesgemäß mit größtmöglicher Brutalität, immerhin könnt ihr Körperteile abtrennen oder die Viecher gleich zweiteilen. Ob das angemessen ist, darf jeder für sich entscheiden, fest steht aber, dass das optisch aufgrund mittelalterlicher Grafik nicht schön anzusehen ist. Matschige Texturen sowie kantige Pixellandschaften stehen an der Tagesordnung, dafür sehen die Gesichtsanimationen besser aus, wenngleich sie sich nicht auf demselben Stand der Konkurrenz befinden. Ein Wehrmutstropfen: Habt ihr etwas mehr als 10 Stunden hinter euch gebracht – die Hauptstory dauert etwa 20 – erhöht sich der taktische Anspruch.

Vielleicht kann man hierbei ein Auge zudrücken, schließlich sind nicht die physischen, sondern die verbalen und politischen Auseinandersetzungen vordergründig. Die beherrscht das Entwicklerteam um BioWare nach wie vor hervorragend. Obwohl ihr eure Figur nur wählen und nicht mehr frei zusammenschustern dürft, könnt ihr dessen Charakter und Ansehen durch „gute“ und „böse“ Entscheidungen beeinflussen. Helft ihr den Bewohnern oder lasst ihr sie mit ihren Problemen zurück? Wendet ihr an Kriminellen Selbstjustiz an oder lasst ihr sie am Leben? Seid ihr auf Geld aus oder ist euch Ehre und Anstand wichtiger? Eure Wahl hat zwar keine direkte Konsequenz auf die Story, wohl aber auf die Beziehung zwischen Hawke und seinem bis zu vier Mann/Frau starkem Team. Deren Vertrauen gewinnt ihr, indem ihr ihren Vorschlägen zustimmt, verliert es, wenn ihr selbige ablehnt, ihnen zur Hand geht oder eben nicht. Ähnlich verhält es sich beim Umgang mit den Bewohnern, auf die ihr trefft und die euch Quests anbieten. Selten wollen sie euch als Boten, viel öfter geht es um Mord und Totschlag, interessante und abwechslungsreiche Aufgaben warten auf euch, die unterhaltsam sind – und zeigen, wie »Dragon Age 2« hätte werden können, hätte BioWare ähnlich viel Kreativität und Arbeit in die Technik und die übrige Darstellung gesteckt.

Die Stadt, die man nicht erkunden will



Dazu hätte beispielsweise eine größere Karte gehört – DA2 spielt sich komplett in Kirkwall ab, welches ihr sowohl bei Tag als auch bei Nacht durchqueren könnt. Pfiffig, aber plump: Ob hell oder dunkel bestimmt ihr selbst mit einem Klick. Außerdem seid ihr Untertage unterwegs, beide Regionen wirken dank der auf ihr verweilenden Charakter lebendig, trotzdem eignen sie sich nur bedingt für die ansonsten so wichtige Erkundungstour. Kisten, in denen etwas Brauchbares versteckt ist, funkeln sowieso, der Rest ist eher uninteressant. Teilweise rennt ihr von Quest zu Quest und verzichtet darauf, nach unnützem Kram zu suchen, selbst wenn ihr ihn verkaufen könntet. Auch die zahlreichen Höhlen wirken wenig reizvoll, da sie sich rasch wiederholen und somit langweilen. Den Höhepunkt stellen daher die Figuren dar, nicht die Umgebung, in der sie spielen. Insbesondere das eigene Team, das aus verschiedenen Persönlichkeiten wie Magiern oder Kämpfern bestehen kann, lässt eine Variation in der Dialogführung zu: Manchmal hilft es, eine Konversation mit einer bestimmten Spielfigur zu führen, um unmittelbar an wichtige Informationen zu kommen. Doch haben auch die Protagonisten und Nebencharaktere ihre Probleme zu bewältigen: 80 jährige Ladies sehen aus wie 20, alle sind vollbusig mit „Idealmaßen“. Übergewichtige oder Rentner sieht man sehr selten.

Fazit:
An jedem Klischee befindet sich etwas Wahres: Dass zum Beispiel der zweite Teil immer schlechter ist als der erste, ist nur eine Klischeebehauptung, die im Fall von »Dragon Age« leider trotzdem zutrifft. War der Vorgänger überragend in seiner Inszenierung, dümpelt der Nachfolger im Mittelmaß herum – mit nur einer Stadt, mäßigen Kämpfen und schlechter grafischer Umsetzung. Einen Blick wert ist das Spiel sicherlich, aber dann doch eher als Budget-Titel denn zum Vollpreis.

Wertung: 7,5/10

Kommentare (0)


Beitrag schreiben






Dauerhaft
Amazon Prime Unbegrenzter Seriengenuss
Filmkritiken:

kurenschaub

kurenschaub
4.574 Filmkritiken

  • Chev Chev1.093
  • 8martin 8martin1.016
  • Filmfreak Filmfreak942
  • eichi eichi350
  • Filmosoph Filmosoph291
  • Kiddow Kiddow262
  • Anti78 Anti78144
  • AmanRu AmanRu144
  • Anthesis Anthesis123