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Kritik: Mein Kampf

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»Mein Kampf« stellt unweigerlich Assoziationen mit Adolf Hitler her, jenem Diktator, der die Welt in den Krieg stürzte und Millionen Menschen auf dem Gewissen hat. Lange Zeit war es eine moralische Frage, ob es legitim sei, sich über eine solche Persönlichkeit lustig machen zu dürfen oder nicht. Unabhängig einer Antwort geschah und geschieht es immer wieder: Christoph Maria Herbst interpretiert den „Führer“ neu, Parodien fanden ihren Platz auf der Theaterbühne – und nun mit »Mein Kampf« von Regisseur Urs Odermatt auch auf die Kinoleinwand. Das ist gut so. Denn über die Schrecklichkeiten muss ab einem gewissen Zeitpunkt ebenfalls gelacht werden dürfen, allerdings haben es derlei Werke angesichts Dauerdokumentationen über den Zweiten Weltkrieg sowie filmischen Erzählungen über selbigen schwer – es ist die Inflation, die schwerlich unterscheiden lässt, welche Sichtung wert ist und nicht. Der Film, der vor einigen Tagen in einigen Kinos gestartet ist, kämpft zudem mit seinem intellektuellen Anspruch – Tom Schilling in der Rolle des jungen Hitler ist keine 0815-Parodiefigur al á Herbst auf Pro7, dessen Charaktername Alfons Hatler nur müde an dessen Inspiration erinnert. Er ist aber auch keine Biographie, denn dafür ist er historisch zu unkorrekt. Was steckt also hinter dem Streifen mit dem eindeutig zweideutigen Titel?

“Sie wollen mich nur bumsen!“



Hitler (Schilling) bietet ein gescheitertes, dennoch zutiefst selbstüberzeugtes Erscheinungsbild. Als heimatloser Maler und Grafiker landet er im Männerheim in der Leichenstraße und will sich der Aufnahmeprüfung der österreichischen Akademie der schönen Künste unterziehen. Dass er angenommen und sein Studium beginnen können wird, steht für ihn freilich außer Frage. Bis dahin teilt er sein Zimmer ausgerechnet mit den beiden Juden Schlomo (Götz George) und Loboswki (Bernd Birkhahn). Prompt geraten die drei Männer aneinander, Grund ist die Titelsuche für das Buch, an dem Schlomo arbeitet: »Mein Leben« sei keine klassische Titulierung, »Memoarien« unpassend, Verballhornungen der Werke anderer Schriftsteller ebenfalls – aber »Mein Kampf« passt, ja, das passt, nickt Hitler. Die beginnende Feindschaft verläuft schnell im Sande, von Hitlers Antisemitismus ist wenig zu sehen und zu spüren, von dem der Anderen hingegen schon. Juden seien an allem schuld, meint so Mancher und fordert eine starke Führung, die eine „Lösung“ findet - Andere messen die Kopfform ihrer Mitbürger, um herauszufinden, ob jene „arischer Abstammung“ sind. Adolf, wie Hitler fast schon liebevoll von seinem Freund Schlomo genannt wird, interessiert das zunächst nicht besonders. Seine Aufmerksamkeit gilt der schönen und vollbusigen Gretchen (Anna Unterberger), die jedoch mehr Wert auf die Erzählkünste von Schlomo legt – und Hitler nicht mag. Wohin dieser Umstand führt, ist abzusehen, entsprechend abgedroschen wirkt die Liebesgeschichte in vielerlei Hinsicht. Schlimm ist sie trotzdem nicht. Wäre da nicht Hitler und wären da nicht fähige Autoren, die wissen, welche Worte sie ihren Protagonisten in den Mund legen müssen, wäre sie das schon. Und wäre Hitler nicht von Haus aus eine komische Person.

Ihm kommt die großartige Idee, Gretchen im Evakostüm malen zu wollen. Wir wissen eigentlich, was das bedeutet, sie weiß es auch: Er will sie nackt auf Papier bringen. Will er aber nicht. Seltsame Sachen kommen aus seinem Mund, über dem ein schlecht gestütztes Bärtchen baumelt, von Ariern und Juden. »Jedes Tier paart sich mit einem Genossen der gleichen Art« sprudelt aus ihm heraus und da wird klar: »Mein Kampf« ist ein stückweit »Mein Kampf«, denn George Tabori und Martin Lehwald, die das Drehbuch beisteuerten, zitieren gelegentlich ungeniert aus Hitlers „echtem“ Buch. Das ist der oben genannte intellektuelle Anspruch: Wer es nicht gelesen hat, sondern nur darüber schimpft, wird solche Stellen selbstredend nicht lustig finden, geschweige denn so finden, wie sie gefunden werden wollen. Da wird dem Zuschauer sicherlich auch ein Spiegel vorgehalten – und das sehr oft, wie Negativkritiken unserer Kollegen zeigen. Gretchen jedenfalls versteht nicht, worauf Hitler hinaus möchte und mutmaßt deshalb: „Sie wollen mich nur bumsen!“ Aberwitzige Szenen entstehen, die den vermeintlichen Rhetoriker Hitler ins Lächerliche ziehen. Aber Hitler wäre nicht Hitler, würde er sich leicht abwimmeln lassen. Hin und wieder, scheinbar aus Hilf- und Ratlosigkeit, kommen deshalb völlig rätselhafte Methoden zum Vorschein, wie z.B. Hypnose, die der Parodie unwohl bekommen.

Hitler ist nicht auf der Liste



Besser funktioniert die aufkeimende Beziehung zwischen Hitler und Schlomo, für den der Neuankömmling wie ein Sohn wird: Er wäscht ihn, schneidet ihm das Bärtchen und steht ihm mit Rat und Tat zur Seite, wiewohl beide Interesse an derselben Frau haben. Währenddessen machen sich in Wien die ersten Deutsch-Nationalisten bemerkbar, die auf Juden schießen und Parolen durch die Straßen schreien. Hitler hat allerdings andere Sorgen, seine künstlerische Karriere steht auf der Kippe, denn sein Name steht widererwarten nicht auf der Liste der Akademie. Insofern ist »Mein Kampf« historisch korrekt, schließlich wurde er zu jener Zeit tatsächlich nicht zugelassen, allerdings sollte man dem Film nicht viel mehr Wahrheitsgehalt zugestehen. Insbesondere unter jenem Aspekt nicht, da Hitler hierin als gar schon religiöser Mensch skizziert wird, der er eben nicht war – zumindest nicht kontinuierlich wie gezeigt. Trotzdem gibt es Seitenhiebe auf seine Persönlichkeit, wie etwa die Behauptung eines Nazis, sämtliche „Ästhetiker, Vegetarier, Veganer und Künstler seien Juden“, wodurch Hitler durch sein Selbst – er sah sich als Vegetarier und Künstler – als das bezeichnet wird, was er später hassen lernen sollte.

Kleinere schauspielerische Ungereimtheiten kommen weithin vor, Schilling scheint zwar die Hitlermotorik studiert zu haben, verliert sich aber allzu oft in einer bloßen Kopie selbiger, was ebenfalls auf seine verbale Ausdrucksweise zutrifft. Vollends Überzeugen kann Götz George, der ruhig und bedacht spielt, obwohl ihm mit zunehmender Spieldauer relativ häufig übel mitgespielt wird. Anna Unterberger, der als Gretchen nur eine Art Nebenrolle – keinesfalls aber eine unwichtige – zukommt, ist von der ersten Minute das, was getrost als stereotypisches Landmädchen bezeichnen werden könnte: Süß, putzig, zum Indenarmnehmen. Wettmachen kann die Konstellation den Effektpfusch trotzdem nicht: Wenn Hitler teuflisch dreinblickt oder die Nachbearbeitung offensichtlich ist, wirkt das schlichtweg unpassend und überinszeniert; der zum Teil hilflose, zum Teil cholerische Hitler gefällt da um einiges besser als der zwanghaft böse, der am ehesten dem Bild entspricht, das ohnehin von ihm gegeben ist.

Fazit:
»Mein Kampf« ist ein seltenes Schmuckstück, das bedingt durch Originalzitate und Anspielungen besonders jenen Vergnügen bereiten dürfte, die sich ausführlich mit der Person Hitler beschäftigt haben. Wer hingegen historische und biographische Richtigkeit erwartet, jedes Spiel, Detail und Wort auf die Waage legt und prüft, wird sich kaum mit der Parodie anfreunden können. Trotz des Lobliedes funktioniert nicht alles perfekt, mancherlei Handlungselement passt weder in den Film noch in die Zeit, in der er spielt, manchmal imitiert Schilling zu sehr Hitler, manchmal ist die Story absehbar.

Wertung: 6,9/10

Kommentare (3)


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Filmosoph
13.05.12 - 10:03
Hab den Film jetzt gesehen, in Österreich war er ja nie im Kino.

"manchmal ist die Story absehbar." möchte ich aber als Kritikpunkt nicht (mehr) gelten lassen, da ohnehin jeder weiß, um was es geht.

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Chev
31.03.11 - 02:57
Ich weiss nicht ob ich mir das antun muss...

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Filmosoph
30.03.11 - 12:02
Danke für die gute Kritik, werd' ich mir ansehen,sobald er auch bei uns im Kino ist.

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