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Kritik: Alles, was wir geben mussten

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Noch ist der gesellschaftliche und moralische Verfall nicht so weit vorangeschritten, um Menschen als Ersatzteillager für Organe verwenden zu wollen. Die Möglichkeit aber besteht. „Des Menschen grausamster Feind ist der Mensch“, wusste der Philosoph Johann Gottlieb Fichte zu sagen und traf damit sicherlich ins Schwarze - »Alles, was wir geben mussten« jedenfalls zeichnet jenes grauenhafte Bild des Menschen, das vollführt, wie er seinesgleichen heranzüchtet, um sie als Organspender zu missbrauchen. Obwohl das nach Science-Fiction klingt und der Film ebenso angekündigt wird, wirkt er erschreckend real, nah und – kaum zu glauben – menschlich.

Künstlerische Freiheit



Für die Kinder im Internat Hailsham ist das Malen von Bildern gelebte Freiheit. Freiheit, die innerhalb der dunkelroten Mauern des Gebäudes sonst keinen Platz findet. Die Lehrerinnen sind streng, der Tagesablauf geplant, die Untersuchungen regelmäßig. Letztere scheinen nicht mehr als vorbeugende Maßnahmen zu sein, ein wenig penibel vielleicht, doch kein Grund zur Skepsis. Die Jungen und Mädchen, wie etwa die blonde Kathy (Izzy Meikle-Small), lassen die Prozedur geduldig über sich ergehen. Sie sind es nicht anders gewohnt. Obwohl sie das Gelände nicht verlassen dürfen kämpfen sie mit denselben Problemen wie diejenigen, die Hailsham nicht kennen: Die erste Liebe, die erste Zurückweisung, Herzschmerz und Ausgrenzung. Tommy (Charlie Rowe) wird von den Anderen nicht gemocht und akzeptiert, allen voran ist es Ruth (Ella Purnell), die ihn schikaniert. Nur Kathy hat ein Herz für den einsamen Jungen, der allein im umzäunten Hof steht. Irgendwann setzt sie sich zu ihm, an den übergroßen Tisch in der nicht weniger kleinen Kantine, an dem außer Tommy niemand speist. Alle meiden ihn. Die Beiden entwickeln eine Beziehung zueinander, es ist ein Hauch Menschlichkeit im zunehmend trostloser wirkenden Hailsham, das trotz seiner bedrückenden Kälte und der Mystik, die ihn umgibt, vertraut wirkt. Die Kinder fertigen Kunstwerke an, malen Bilder für eine Gallery, erzählen sie ihnen und sie glauben es. Es ist ein kleines Stück Freiheit in dieser Festung, deren Geheimnis schon bald gelüftet werden soll.

Ausgerechnet eine Lehrerin hält dem Druck nicht mehr stand und weit ihre Schützlinge ein: Sie sind hier, weil sie hier sein müssen. Es gibt keine Eltern, sie sind nicht zufällig waise, sie sollen gesund bleiben, um später ihre Organe zu spenden. Der Zynismus des Vorhabens ist schmerzhaft und empörend zugleich. Drei Operationen sind die Regel bis zur „Vollendung“, bis zum Tod. Die Kinder nehmen diese Information tapfer auf – nein, sie verstehen sie nicht. Das ändert sich mit dem Erwachsenwerden. Kathy (Carey Mulligan), Tommy (Andrew Garfield) und Ruth (Keira Knightley) werden in die „Freiheit“ entlassen, deren Reichweite durch Kontrollgeräte und deren Länge durch die Dauer bis zur letzten OP bestimmt wird. Sie sind hilflos in der für sie neuen Welt, wissen nur aus mäßigen Theaterstücken, wie sie sich in einem Restaurant verhalten sollen. Allerdings ist es etwas vollkommen anderes, tatsächlich in einem zu sitzen als es sich nur vorzustellen. Die Kellnerin fragt, was sie haben möchten. Niemand antwortet. Ihr Begleiter bestellt etwas – aus Ratlosigkeit bestellen sie alle dasselbe und kichern. Das Kichern: süß und unglaublich traurig.

Stille Filme sind tief



Es sind die kleinen Gesten, die Regisseur Mark Romanek, der mit »Alles, was wir geben mussten« erst sein drittes Filmwerk in mehr als 20 Jahren auf die Leinwand bringt, am Herzen liegen. Das Sci-Fi-Drama bewegt sich fernab jeglicher Action und Impulsivität, unterlässt den Versuch, durch künstliche Emotionalität schwermütig zu wirken und bedient sich keinen hypermodernen Gerätschaften, die der Erwartungshaltung gegenüber dem Genre entsprechen würden. Hier arbeiten keine Roboter im Operationssaal, hier fliegen keine Raumschiffe durch die Gegend, hier wird der Mensch zum Opfer seiner eigenen kranken Ideen und zur Exekutive selbiger. Wichtig scheint ihm hierbei nicht, mit erhobenem Zeigefinger auf die Bösen zu richten. Vielmehr stellt er fest, dass die zu Organspendern degradierten Menschen Menschen sind. Besonders gelingt ihm das zu Beginn durch den Außenseiter Tommy, der in Kathy eine Freundin findet, deren Freundschaft aber von Ruth zerstört wird – denn sie hört auf ihn zu verspotten und nähert sich ihm weniger schüchtern als Kathy. Doch auch im späteren Verlauf treten eindringliche Szenen zum Vorschein, die Gefühle auslösen: Eine Mixtur aus Wut und Herzlichkeit bei der genannten Restaurant-Szene, Zorn mit den ersten „vollendeten“ Spendern und Fassungslosigkeit gegenüber der skrupellosen Hailsham-Direktorin. Und schließlich ganz viel Mitgefühl für die Protagonisten, die ein solch vorbestimmtes und missbrauchtes Leben nicht leben sollten.

Mitverantwortlich für den leichtfüßigen emotionalen Zugang sind die Darsteller/innen, allen voran Carey Mulligan, die ihre Rolle mit viel Gefühl und Geduld spielt, die ihre Figur reifen lässt und »Alles, was wir geben mussten« eine gewisse zusätzliche Ruhe vermittelt. Schauspielkollege Andrew Garfield hingegen überrascht häufig mit Wutausbrüchen, ist in seinem Charakter laut, polternd und glaubwürdig. Einzig Keira Knightley hat hin und wieder Schwierigkeiten. Diese sind allerdings weniger auf ihr schauspielerisches Können zurückzuführen, als vielmehr auf ihr durchweg kränkelndes Auftreten. Ab der zweiten Filmhälfte, da ein solches Erscheinungsbild verstärkt werden sollte, tritt der schockierende Cut zwischen der „gesunden“ und der „kranken“ Ruth kaum mehr ein.

Fazit:
Oftmals bleiben jene Filme in Erinnerung, um die nicht viel Wirbel gemacht wurde. »Alles, was wir geben mussten« von Mark Romanek stellt diese Behauptung eindrucksvoll unter Beweis. Das Drama ist ruhig, schön und melancholisch zugleich, kraftvoll und doch bescheiden in seiner Darstellung – voller Widersprüche, die miteinander harmonieren und eine Geschichte schaffen, die moralische Fragen aufwirft, die man sich am Ende vielleicht selbst stellen mag.

Wertung: 8,9/10


Kommentare (5)


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GASTBEITRAG
23.11.11 - 22:45
Meiner Meinung nach ist 'Alles, was wir geben mussten' ein durchaus gelungenes Drama. Alles passt auch zusammen, bis auf die Tatsache, dass die Protagonisten ihr Schicksal hinnehmen, dass sie Spenden und nicht versuche, gegen den Bescheid angehen. Leider wird nicht ganz klar, warum sie einfach leben bis der Bescheid kommt. Schließlich scheinen die Protagonisten intelligent genug, um zu verstehen, dass sie abgeschlachtet und ausgeweidet werden. Daher ist es für mich vollkommen unverständlich, wie es sein kann, dass diese sich einfach wehrlos ihrem Schicksal ergeben.
Der von Kindesbein an eingetrichterte Gehorsam kann da dann auch keine Erklärung liefern. Somit lässt der Film diese Frage offen, wobei es die Handlung nicht wirklich stört.
Insgesamt ist die Storyline gut gelungen. Und der Regisseur hat großartige Arbeit geleistet, der Film ist perfekt inszeniert - es funktioniert einfach. Die Schauspieler haben überzeugend gespielt, die Musik und die Drehorte passten immer.
Die ganze Zeit über ist der Film ruhig und scheint sehr 'beherrscht'. Es ist, als würde die unterschwellige Botschaft wie Sprühregen überall anhaften. Man bemerkt ihn kaum, bis man komplett nass ist. Und so verhält es sich auch mit der Aussage. Man merkt nicht wirklich, dass der Filme eine gute Kritik an Gesellschaft und dem Verhalten des Individuums ausübt, bis man realisiert, dass sie eigentlich schon die ganze Zeit im Hinterkopf dämmerte. Verstärkt wird dies auch durch die plötzlichen und heftigen Gefühlsausbrüche von Tommy.
Am Ende bin ich der Meinung, dass der Film sehr ergreifend ist. Er regt außerdem zum Nachdenken an, denn eine derartige Institution wäre auch in dieser Zeit vorstellbar. Die Skrupellosigkeit wird hier hervorragend kritisiert und zeigt auf, dass sicher eine gewaltige Menge an Menschen derart 'gespendete' Organe annehmen würde, wenn es ihnen das Überleben sichern würde.
Wenn man also zum Schluss den Kritikpunk der Unglaubwürdigkeit der Widerstandslosigkeit bezüglich der Spende eigener Organe mit einbezieht kann man den Film immer noch als sehenswert einstufen. Es ist aber unbedingt nötig, dass man den richtigen Gemütszustand mitbringt, um sich in die Charaktere hineinfühlen zu können. Ansonsten wäre es einfach Zeitverschwendung, weil der Film dann einfach nur langgezogen, frei von Action und lächerlich unrealistisch wirkt.

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GASTBEITRAG
03.10.11 - 15:40
Hallo, wir sahen den Film gestern auf DVD. Eigentlich bin ich für leise und hintergründige Filme sehr zu haben. Aber diesen zwang ich mich nur zu Ende zu sehen. Ich hatte schon lange vorher irgendeine evtl. vorher vorhandene gefühlsmäßige Verbindung mit den Protagonisten und letztlich auch das Interesse verloren. Die Geschichte war mir schlicht zu unglaubwürdig. Zunächst aus rein ökonomischen Gründen - die Kosten wären letztlich doch sicher zu hoch. Zudem handelt es sich ja bei den Helden um gebildete Menschen. Auch wenn Ihnen Infos vorenthalten und sie zur Pflichterfüllung (im Sinne ihrer geplanten Verwendung) und zu Gehorsam erzogen wurden - ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas widerstandslos vor sich gehen kann, sowohl in der Gruppe der Spender als auch in der Gruppe der potentiellen Nutznießer (auch dort wird es Menschen mit Moral geben). Die einzig glaubwürdige Person war insofern für mich die Betreuerin, die den Kindern ihr Schicksal klar machte und gefeuert wurde. Diese Ergebehnheit in ihr Schicksal konnte ich den Protagonisten einfach nicht abnehmen. Sorry, ich weiß, das ist oberflächlich und voll von Vorurteilen, aber dass das Buch von einem Japaner stammt, überraschte mich dann nicht. Ich glaube und hoffe allerdings, dass so etwas auch deren Pflichtgefühl und schier unglaubliche Loyalität mehr als ausschöpfen würde.
VIelleicht bin ich auch einfach zu positiv und optimistisch, aber das war eine Geschichte, mit der ich mich überhaupt nicht identifizieren kann. Dass sich 100te oder 1000de von normal intelligenten Menschen schafsgleich auf die Schlachtbank führen lassen sollen, ohne auch nur über Widerstand nachzudenken, sorry, das glaube ich nicht.

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eichi
12.04.11 - 09:40
sehr schön geschrieben, daniel. macht doch tatsächlich lust auf mehr, wobei ich es da ganz wie ruben sehe und den film wohl erst auf dvd/blu-ray sehen werde.

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Filmfreak
11.04.11 - 22:52
Yep, spätestens dann zur Heimauswertung!

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Seth0487
11.04.11 - 17:20
Sehr schöne Kritik. Macht auf jeden Fall Lust auf mehr.

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