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Special-Review: Tod in Paris - Die Leichen der Seine (Buch)

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Verschiedene Gründe treiben Menschen in den Freitod: Finanzielle Nöte, soziale Abschottung, Krankheiten oder berufliche Konflikte etwa, die subjektiv unlösbar scheinen. Selbstmorde gab es immer und es wird sie auch in Zukunft geben. Richard Cobb widmet sich in seinem Buch »Tod in Paris – die Leichen der Seine« den Jahren 1795 bis 1801 und den Personen, die ein Leichenhaus füllten und nicht mehr als Akten hinterließen, die er in dem Stück Literatur analysiert und kommentiert.

Mehr als Kleidung

Im 18. Jahrhundert war die Bekleidung der Menschen mehr als nur Schutz vor fremden Blicken und der Witterung: Sie war, wie zum Teil noch heute, Ausdruck der sozialen und gesellschaftlichen Stellung. Vor allem war sie aber eines: Begehrt. Häufig, so Cobb in seinem Buch, gaben sich Fremde als Angehörige Verstorbener aus, um als Erben ihrer Kleidungsstücke Anspruch erheben zu können. Richard Cobb ist bekannt als detailverliebter Historiker, den weniger die großen Weltgeschehnisse wie Kriege oder Revolutionen anziehen, sondern die alltäglichen Geschichten des Lebens. Dementsprechend detailliert arbeitete er in den 70er Jahren an seinem Literaturwerk, das auf Akten aus einem Leichenschauhaus zurückgeht, die wohl niemanden großartig gekümmert haben und hätten. Außer Cobb eben, der als frankophil galt und sich gerne in Archiven aufhielt um das Besondere zu finden, das sonst verstaubt und schließlich verfallen wäre. Was sein Auge fürs Detail bewirkt ist schließlich nicht nur die Tatsache, dass wir uns selbst bildlich vorstellen können, wie es im damaligen Frankreich ausgesehen haben muss. Es macht ihn auch empathisch für die über 200 Selbstmörderinnen und Selbstmörder, die er erwähnt – denn es zeigt, dass er sich ernsthaft mit ihnen und ihrem Schicksal auseinandergesetzt hat, statt nur das kommentiert zu reflektieren, was er den Dokumenten entnehmen konnte.

Akribisch berichtet er von der „einfachen“ Bevölkerung, von Wäscherinnen, die sich in die Seine warfen, von Armen, die selbiges taten und von wenigen, die sich erschossen. Die Seine ist ein Fluss in Nordfrankreich und mittlerweile ein bei der UNESCO eingetragenes Weltkulturerbe. Damals aber war sie in erster Linie eine bequeme, weil eben kostenlose, Möglichkeit, das eigene Leben zu beenden beziehungsweise es einer höheren Macht anzuvertrauen. Es bestand immer eine Chance gerettet zu werden, erklärt Cobb, da selbst der Tod eine Sache der Öffentlichkeit war. Wer auf Nummer Sicher gehen mochte, musste den Zeitpunkt, an dem er ins Wasser sprang, genau abpassen. Er führt auch diverse Zahlen und Statistiken auf die belegen, an welchen Tagen, zu welchen Monaten und zu welchen Uhrzeiten sich Menschen am häufigsten und am seltensten umbrachten. Nicht jedoch die Fakten sind es, die »Tod in Paris – die Leichen der Seine« besonders machen, es sind die Auszüge aus den Akten selbst, die mysteriös und geheimnisvoll wirken, dennoch einen einmaligen Einblick in die Lebensumstände bieten: „Leichnam beim Pont de Sévres aus der Seine geborgen, lag etwa 10 Tage im Wasser, Karte mit dem Namen Du bost, Rue de la Tonnellerie 230, Leichnam identifiziert von seiner Ehefrau Claude Leclére und Guérin, Schneider, wohnhaft in der Nummer 260 … welcher zudem erklärte, besagter Verstorbener habe zu ihm beim Abschied gesagt: ‚Gib deiner Mutter einen Kuss von mir‘, was andeutete, dass er die Absicht hatte, sich das Leben zu nehmen …“

Nicht immer war die Feststellung der Todesursache für die Polizei einfach, insbesondere standen sie vor dem Problem, dass sie sich den bisweilen unbekannten Toten schnell zu entledigen hatten. Unidentifizierte Leichen waren den Ordnungshütern selbst und den örtlichen Machthabern zuwider. Gelegentlich wurde deshalb schlampig und vorschnell gearbeitet, ein Makel der Politik, ansonsten geht Cobb nicht sonderlich auf die historischen und politischen Verhältnisse jener Zeit ein. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Bevölkerung, ihren Suizidalen und ihren Gewohnheiten. So erfährt man zum Beispiel, dass berufstätige Arme ihren Beruf an ihren Nachwuchs weitergeben, der dann in derselben Armut verweilen muss – aus Mangel an Alternativen. Mitunter ist das einer der vielen Gründe, die die Leute in den Selbstmord trieben: Mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten, Geldnöte und allgemeine Unzufriedenheit. Wobei sie kein Licht am Ende des Tunnels sahen.

Fazit:
Richard Cobb hebt sich mit seinem Buch »Tod in Paris – die Leichen der Seine« aus dem historischen Einheitsbrei ab, der sich oft nur mit der Oberschicht, bestimmten Personen oder Ereignissen beschäftigt. Ihm geht es um die ärmsten der Armen, um die Hoffnungslosen und die Selbstmörder. Deren Geschichten erzählt er voller Mitgefühl, Hingabe und dem nötigen Stück historischer Fakten, wenn er seitenweise Zahlen offenbart und erklärt.

Wertung: 9,3/10

Das Buch
Autor: Richard Cobb
Titel: Tod in Paris - Die Leichen der Seine
Übersetzter: Gabriele Gockel, Thomas Wollermann
ISBN-10: 9783608946949
ISBN-13: 978-3608946949
ASIN: 3608946942
Verlag: Klett-Cotta; Auflage: 1., Auflage (März 2011)
Preis: 19,95 EU (Amazon)

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