Special-Review: Alice: Madness Returns (Xbox 360/PS3/PC)

Share
Tim Burton suchte mit seiner Version von »Alice im Wunderland« vor einigen Monaten ein erwachsenes Publikum zu erreichen und zu begeistern. Mit Erfolg! Nunmehr findet Alice ihren Platz auch in der Gameindustrie – und ähnlich wie bei Burton ist es kein kleines, süßes Mädchen, das durch eine Traumwelt streift, sondern eine junge Dame, deren Unterhaltungsart sich in erster Linie an die Erwachsenen richtet. Unterschiede gibt es trotzdem: In »Alice: Madness Returns« ist sie schwarzhaarig, bewaffnet und bereit, zu töten.

Das Wunderland im Gothic-Rausch



Vergessen solle sie, was damals passiert ist, mit ihren Eltern, die im Feuer umkamen, fordert der Psychiater auf, der Alice gegenübersitzt. Ein Mann mit Brille und schmuckem Anzug. Wir befinden uns in einer Irrenanstalt für Kinder. Spielzeug liegt herum, Jungspunde stehen auf den Gängen und unterhalten sich über uns – mal freundlich, mal spöttisch und stets mit einem zynischen Tonfall. Alice fällt aus dem Rahmen, muss man zugeben, mit ihrem putzigen Kleidchen, das noch am ehesten an die stark abgeänderte Romanvorlage von Lewis Carroll erinnert. Das London, in dem wir beginnen, stammt aus längst vergangenen Tagen. Es ist das viktorianische Zeitalter, verrät uns die Beschreibung, und die Straßen sehen ebenso aus: Leichte Frauen stehen hier und da, Bauarbeiter echauffieren sich über ihren Job. Und plötzlich soll uns das alles egal sein, denn wir tauchen in das Wunderland ein, das nicht das ist, was wir erwarten: Kein hübscher Ort voller schön-wundersamer Wesen, vielmehr ein düsterer Schauplatz voller Gewalt und Kompromisslosigkeit. Nicht nur Alice habe sich im Laufe der Jahre verändert, wird uns später der Gestiefelte Kater erzählen, auch das Wunderland habe Vieles erlebt. Offensichtlich. Was genau, das müssen wir herausfinden – und damit auch das Geheimnis dessen, was tatsächlich mit der Psyche der Protagonistin los ist.

Trotz der vielen Unklarheiten verpasst »Alice: Madness Returns« leider einen mysteriösen Einstieg, obwohl es die Freiheit gegeben hätte – denn, wie gesagt, viel gemein hat die Gameadaption mit der Literaturvorlage nicht, folglich ist sie an keine Vorgaben gebunden. Zunächst dürfen wir uns selbst in der Wunderwelt zurechtfinden und dem recht linearen Pfad folgen, der uns zu ersten Kämpfen führt, die geschickt mit einem Tutorial verbunden sind. Sonderlich anspruchsvolle Fights dürft ihr allerdings nicht erwarten, stattdessen gibt es einige Gegnertypen, die ohne erkennbare Taktik auf euch zulaufen und versuchen, euch zur Strecke zu bringen: Da wären Schleichender Verfall oder Geschirre (deren Name Programm ist: Sie sind mit Geschirr bewaffnet!), die in erster Linie nicht durch ihr kämpferisches Geschick, sondern ihr Design überzeugen. Überhaupt ist der vorliegende Titel optisch ein wahrer Augenschmaus, wenngleich technisch alles andere als ausgereift: Matschige Texturen sind ebenso häufig zu vernehmen wie Ecken und Kanten, die insbesondere in den Sequenzen mit anderen Figuren auffallen. Was aber den Fantasiegehalt betrifft, gefällt »Alice: Madness Returns« anstandslos. Des Hutmachers Residenz ist hübsch anzusehen, die Farbenfröhlichkeit harmoniert prima mit sich selbst, verliert aber trotzdem ihren Gothic-Touch nicht. Da macht das Umherstreifen fast noch mehr Spaß als das Spielgeschehen selbst.

Alice, das Hack ‚n Slay-Mädchen



Denn auf Dauer wiederholt sich das Gameplay leider. Mit dem Messer in der Hand und verschiedenen Waffen – darunter einer Pfeffermühle, die als Maschinengewehr fungiert – rennt ihr durch das Wunderland und tötet in anspruchsloser Hack ‚n Slay-Manier jeden, der sich euch in den Weg stellt. Gelegentlich erweisen sich die Geschirre als hartnäckige Gegner, weil sie sich mit ihren Tellern vor euren Angriffen schützen und kurz darauf kontern können. Ansonsten gibt es Bienen, die ihr mit Distanzschüssen kaputtpfeffert, was aber nur dann sinnvoll ist, wenn ihr deren Nest ebenfalls über den Jordan jagt. Wichtiger und abwechslungsreicher sind da schon die Rätselstellungen, die im Grunde all eure Sinne fordern: Ihr müsst auf Geräusche hören, um fliegende Schweinenasen zu finden, die euch neue Wege offerieren. Und ihr müsst eure Zauberkräfte nutzen, um weiterzukommen – getreu der „echten“ Alice kann sich auch die reizende Hauptfigur per Knopfdruck schrumpfen, um durch Durchgänge zu passen, für die sie andernfalls zu groß wäre. Nett: Sie bekommt Schluckauf, wenn sie sich verkleinert. Selbstverständlich sind nicht nur solcherlei Details erhalten geblieben – auch werden euch einige Charaktere bekannt vorkommen, einige Schauplätze sind nahezu identisch aus dem Film übernommen worden und bieten vielerlei Erinnerungswert.

Das ist dann auch der Bonuspunkt, den »Alice: Madness Returns« für sich nutzen kann, obwohl diese Alice keinerlei Ähnlichkeiten zu Mia Wasikowska besitzt: Dass man selbst durch ihre Wunderwelt streifen und sie erkunden kann, dass man eine ähnlich wunderliche Geschichte mit ihr durchleben darf und vorrangig spielt. Das ist ein Aspekt, der allzu oft verloren geht, hier aber erhalten bleibt. Als Alice hüpft ihr euch durch den fantasievollen Spielplatz, lasst euch von Trampolin-Pilzen in die Luft schießen, schrumpft ab und an, werdet wieder groß und seid in erster Linie Spieler – kein Soldat, Ermittler, Rennfahrer oder sonst etwas, der ein bestimmtes Ziel verfolgt. Was euch erwartet, wisst ihr nämlich nicht – weil es nirgendwo erwähnt wird und sich erst nach und nach offenbart.

Fazit:
»Alice: Madness Returns« hat allerhand gute Ansätze, die allerdings selten vollständig ausgenutzt werden: Das fantasievolle Design gefällt, viele Ideen sind großartig und machen Spaß. Matschige und kantige Texturen hingegen nicht und auch die Kämpfe hätten mehr Taktik und Anspruch vertragen können. Der Erinnerungswert, den die Schauplätze und die bekannten Figuren mit sich bringen, sind hingegen ein Argument, in absehbarer Zeit ein Auge auf das Spiel zu werfen – nämlich dann, wenn es weniger als etwa 60 Euro kostet.

Wertung: 6,7/10

Kommentare (0)


Beitrag schreiben






Dauerhaft
Amazon Prime Unbegrenzter Seriengenuss
FE-Punkte:

eichi

eichi
154.278 FE-Punkte

  • kurenschaub kurenschaub129.537
  • Filmfreak Filmfreak121.464
  • Chev Chev54.509
  • Filmosoph Filmosoph51.930
  • brittlover brittlover28.488
  • 8martin 8martin22.398
  • Anti78 Anti7820.212
  • Seth0487 Seth048719.918
  • Kiddow Kiddow15.989