Kritik: Der Mandant

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Umwerfende Juristenthriller sind selten und erscheinen nur alle Jahre wieder. Da wären zum Beispiel »Eine Frage der Ehre« aus dem Jahr 1992 oder »Erin Brockovich«, der kurz nach der Jahrhundertwende anlief, zu nennen. Zuletzt blieb uns »Find Me Guilty« mit Vin Diesel positiv im Gedächtnis, der bereits ganze fünf Jahre her ist. »Der Mandant« hingegen ist neu, gerade erst angelaufen und gesellt sich in die Reihe der Filme innerhalb und über die Rechtswissenschaften. In der Hauptrolle: Der aus romantischen Komödien bekannte Matthew McConaughey, der einen Rechtsanwalt in der Zwickmühle spielt. Für den 41-jährigen Schauspieler ein ungewöhnliches Engagement, fast so, wie es das von Diesel war. Kann uns das Plädoyer von »Der Mandant« überzeugen oder landet er danach hinter schwedischen Gardinen?

Zurück im Gerichtssaal



So ganz stimmt die Behauptung ja nicht, für McConaughey wäre die Rolle des Juristen in »Der Mandant« außergewöhnlich. 1996 mimte er äußerst erfolgreich einen Rechtsanwalt im hervorragenden Thriller »Die Jury« - seine Leistung markierte seinen schauspielerischen Durchbruch. Mick Haller, namentlich seine Figur des neuen Kinofilms, ist also gewissermaßen eine Rückkehr zum alten Eisen – und ja, er kann es noch schmieden. Haller ist ein schweinecooler Rechtsverdreher, der sich in seiner alten, schwarzen Amikutsche durch Los Angeles kutschieren lässt und seine Fälle vom Rücksitz aus bearbeitet. Es scheint einfacher zu sein, als im Büro zu sitzen und immerzu von Mandant zu Mandant, von Gericht zu Gericht und von einem zum anderen Verhör zu fahren – er vereint Mobilität geschickt mit Effizienz und dank Regisseur Brad Furman bleibt seine Arbeitsweise weitestgehend glaubwürdig. Mehr noch: Aufgrund diverser „Nebengeschäfte“, die er unterwegs dank seiner Kontakte zum kriminellen Milieu pflegen kann, hat sein Charakter grobe Ähnlichkeiten mit Detective Alonzo Harris (»Training Day«). Sie ist aber bei Weitem nicht so doppelmoralisch. Mick geht es ums Geld. Nicht mehr und nicht weniger. Wer bezahlen kann, wird vertreten – ob es Drogendealer, Mörder oder zu Unrecht Angeklagte sind.

Ein vermeintlich letzterer ruft ihn zu sich in die Untersuchungshaft. Louis (Ryan Phillippe) wird des versuchten Mordes und der Vergewaltigung beschuldigt, erklärt er dem Rechtsanwalt, habe aber weder die eine noch die andere Tat begangen. Der junge Mann, der einer wohlhabenden Familie entstammt, hinterlässt tatsächlich nicht den Eindruck eines Kriminellen. Vielmehr sieht es danach aus, als habe jemand seinen Wohlstand gerochen und wolle durch die Beschuldigungen eine hübsche Summe abgreifen. Und auch die ersten Hinweise, die Mick gemeinsam mit seinem Ermittler Frank (William H. Macy) findet, sprechen für die Unschuld seines Mandanten. Was Mick braucht, sind handfeste Beweise für seine Annahme, die er durch weitere Recherchen zu finden sucht. Stattdessen stößt er auf gänzlich Unerwartetes: Louis scheint ihm nicht die ganze Wahrheit gesagt zu haben und der Fall wird aufgrund neuer Indizien zunehmend riskanter.

Ein klassischer Kriminalfilm



»Der Mandant« nutzt konventionelle Stilmittel, um wirkungsvoll Spannung zu erzeugen. Es gibt nicht nur ständige Wendungen innerhalb der Geschichte, die selbige kurzweilig erscheinen lassen, es ist auch die gelungene Besetzung der Figur Louis mit dem fast schizophren anmutenden Ryan Phillippe. Ähnlich wie der Protagonist wankt der Zuschauer zwischen der Frage, ob in Louis ein Mörder und Vergewaltigter steckt und Vermutung, dass es unmöglich sein kann. Ein netter, freundlich lächelnder Junge ein Gewalttäter? Niemals! Drehbuchautor John Romano und Michael Connelly, der die Literaturvorlage liefert, skizzieren glaubwürdig zwei Fährten in einer Person. Ab einem bestimmten Zeitpunkt verrät sich der weitere Handlungsverlauf leider selbst, den Spannungsbogen lockert das allerdings nicht. Das ist in erster Linie dem Regiestil von Brad Furman zu verdanken, der rasche Bilderwechsel vollzieht, den Film jedoch durch Distanz vor Künstlichkeit bewahrt: Er rückt das Geschehen nie durch Penetranz in den Vordergrund und schafft es, selbst offensichtlich gescriptete „Zufallsereignisse“ wie zufällig zu integrieren. Auch die Darstellung von Mick Haller ist cool, aber nicht zu cool.

Nur gelegentlich überspannt er den Bogen und neigt zur Unlogik. Etwa dann, wenn eine ominöse und nicht näher vorgestellte Rockergruppe anfährt und den Lincoln des Juristen zum Stehenbleiben drängt. Los Angeles ist groß, da stellt sich die Frage, wie sie ihn gefunden haben. Solcherlei Ereignisse sind aber als Kleinigkeiten zu verbuchen. Schädlicher ist die trotz solider Inszenierung nur mittelmäßige Geschichte, die keine Neuigkeiten mit sich bringt. Als Kompensator fungiert eine kleine, recht nette Nebengeschichte, in der Maggie McPherson (Marisa Tomei) eine Rolle spielt – sie ist die Ex-Frau des Rechtsanwaltes und obwohl sie auf derselben Seite stehen, verfolgen sie doch unterschiedliche Interessen.

Fazit:
Letztlich ist es die altbackene Handlung, die »Der Mandant« wertvolle Punkte kostet. Ein Beschuldigter, der sich für unschuldig hält, ein Anwalt, der ihm seinen Glauben schenkt und eine Geschichte, die viele Vermutungen zulässt und sie durch zahlreiche Twists sowohl widerlegt als auch bestätigt. Nicht wirklich neu, aber ungemein spannend und kurzweilig inszeniert, hält das Justizdrama allerhand Stoff für einen gemütlichen Fernsehabend bereit. Im Kino muss der Film allerdings nicht unbedingt genossen werden.

Wertung: 7,8/10

Kommentare (2)


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Filmfreak
24.06.11 - 16:01
Sehr schöne Kritik zu diesem Film, Daniel!
Habe mir eine solch ähnlich hohe Wertung von diesem Streifen auch erwartet und freue mich dabei schon auf die Heimauswertung!

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eichi
23.06.11 - 15:50
nach den ersten zeilen deiner kritik dachte ich sofort, dass es doch kaum sein kann, dass du "die jury" vergessen hast, aber ein paar weitere sätze darauf, gehst du dann ja zum glück ganz toll darauf ein.

eine schön zu lesende kritik, die lust auf den film macht. auch im bezug auf deine bewertung, die doch recht hoch ausgefallen ist und daher auf einen sehenswerten film hindeutet.

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