Hosted by World4YouDonnerstag, 15. November 2018


Special-Review: Haunted (PC)

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Gejagt zu werden muss ein unangenehmes Gefühl sein, manchmal muss es sich auch schmerzlich anfühlen, in der Rolle des Jägers zu verzweilen. Mary, die dunkelhaarige Protagonistin in »Haunted«, ist sogleich doppelt bestraft - denn sie ist gewissermaßen sowohl Jägerin als auch Gejagte. Schlimmer noch: Sie verlor ihre Schwester Emily bei einem Zugunglück, lebt seither auf der Straße und wird von Visionen heimgesucht. Letztere enthalten Hinweise, denen die junge Damen folgt - und prompt zwischen Geistern und Geheimnissen landet ...

Schrecklich schön!



Ein inofizieller Nachfolger von »Jack Keane«? Das klingt äußerst vielversprechend, denn Herr Keane gab vor einigen Jahren sein lustig-lockeres Debüt und ist zumindest mir bis heute positiv in Erinnerung geblieben. »Haunted« stammt aus demselben Frankfurter Entwicklerstudio, DECK13, und das sieht man dem Adventure auch an. Es ist bunt, wuchtig, atmosphärisch dicht und herrlich schön anzusehen, selbst wenn hier und da unfassbar matschige Texturen ins Auge fallen und manche Animation kantig wirkt. Sobald wir jedoch Mary das erste mal per Point & Click durch das viktorianische Zeitalter lenken, sind die technischen Mankos so gut wie vergessen. Alles beginnt mit einer Entführung: Mary, aufgefunden von einem ominösen Typen, findet sich auf einem Tisch wieder. Eine hexenhafte Frau namens Professorin Ashcroft mit unpassend sanfter Stimme - verliehen von Andrea-Kathrin Loewig, die Jordan in »Scrubs« synchronisiert - möchte an ihr herumschnippeln. Kaum ist der erste Schnitt mit dem Skalpell getan, schreckt das Mädchen auf. Der unbekannte Kerl habe sie für tot gehalten, erklärt er, und weil sie offenbar noch lebt, soll sie jetzt sterben. Anordnung von Ashcroft.

Der zugegeben harsch klingende Einstieg ist tatsächlich sehr sympathisch, weil er auf vielerlei Hinsicht die Kriterien eines Abenteuers erfüllt: Mary weiß nicht, wo sie ist, wir wissen nicht, was überhaupt los ist und müssen eine Lösung für ein Problem finden, dessen Ursache wir noch gar nicht kennen. »Haunted« ist ein Adventure, das selbst ein Rätsel ist - und das ist etwas, das wir in letzter Zeit nur selten zu sehen bekommen. Der Grund ist einfach: Oft handelt es sich um Fortsetzungen, deren Hauptfiguren wir bereits kennen gelernt haben oder um charakterlose Statisten, die wie zufällig die Hauptrolle spielen. Mary hingegen ist gänzlich unbekannt, hat mit niemandem gravierende Ähnlichkeiten und gibt ihre Persönlichkeit nur langsam Preis - und damit auch das, was sie in ihre ungünstige Lage gebracht hat. Der Spannungsbogen wird gespannt, der Erzählfluss bleibt konstant flüssig und die Motivation, die Geschichte zu durchleuchten, wächst unentwegt.

Das Mädchen und der Pirat



Und das liegt insbesondere in der Inszenierung, der anzumerken ist, dass das Team von DECK13 genau weiß, was es tut: Es dauert nicht lange, bis wir auf Oskar treffen. Pardon: Oskar der Schreckliche, wie er betont. Er ist ein Pirat der Sieben Weltmeere und nach anfänglichen Konflikten steht er euch mit Rat und Tat zur Seite, wobei er nur das tut, was er kann und will. Zum Beispiel kann er dank seiner Handschuhe sowohl extrem heiße als auch kalte oder elektrische Objekte berühren, ohne verletzt zu werden. Mary kann das freilich nicht, dementsprechend hilfreich ist es, ihn jederzeit per Mausklick rufen und ihn bitten zu können, solcherlei Aufgaben zu erfüllen - zudem gibt er euch im dreistufigen Hilfesystem sinnvolle Ratschläge, falls ihr einmal mit einem Rätsel überfordert seid. Generell ist das System eine hervorragende und gut funktionierende Idee und funktioniert auch, dennoch nerven zweierlei Dinge: Gelegentlich muss man dieselben Fragen zweimal stellen, um mit der dritten die richtige zu treffen (das Stufensystem ist folglich recht unflexibel - besser wäre ein liberaler Fragenkatalog aller möglichen Fragestellungen gewesen) und hin und wieder kommt es trotz aller Unterstützung vor, dass man einfach nicht weiter weiß.

Insgesamt ist sind die Rätsel allerdings ausgewogen und lösbar. Zum Beispiel müsst ihr euch am Hafen auf ein Gerüst katapultieren, wofür ihr eine Gasflasche, eine Zange und einen Kohlewagen zur Hilfe nehmt - alles miteinander kombiniert ergibt ein recht schnelles Fortbewegungsmittel, das am Ende der Gleise abrupt stoppt und Mary durch die Lüfte fliegen lässt. Die Kombinationsaufgaben - wie alle anderen auch - sind handlungsrelevant in das Geschehen integriert, wirken kaum aufgesetzt oder allzu konstruiert. Und durch die lockeren Kommentare von Mary, Oskar und anderen Gesellen, auf die ihr trefft, bleibt alles unterhaltsam - selbst wenn ihr ratlos vor einer ungelösten Aufgabe steht. Was negativ ins Gewicht fällt ist die gelegentlich ungünstige Kameraposition (vor allem in beengten Räumlichkeiten), deretwegen ihr oft wichtige Ecken schlichtweg gar nicht erst wahrnehmt. Davon abgesehen harmoniert im Großen und Ganzen alles miteinander: Die Dialoge sind ansprechend, die Synchronisation sehr gut, die Musikunterlegung passend. Der Gruselfaktor ist übrigens nicht so groß, viel mehr Wert wird auf Humor gelegt. Demnach kann »Haunted« guten Gewissens auch von Kindern gespielt werden - die werden sicherlich keine schlaflosen Nächte davon tragen.

Fazit:
Die Adventure-Landschaft verwüstete innerhalb der letzten Monate sehr. Veröffentlichungen, die uns restlos zu begeistern wussten, gab es wenige - entweder waren die Rätsel doof, die Grafik doof, die Dialoge doof, die Handlung doof oder alles doof. »Haunted« ist das ziemliche Gegenteil von doof: Es erzählt eine gut durchdachte Geschichte, die sich langsam aufbaut, hat eine sympathische Protagonistin vorzuweisen, solide Rätsel und wurde liebevoll inszeniert.

Wertung: 9/10

Kommentare (1)


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Filmfreak
21.08.11 - 08:35
Bis auf die technischen Mankos scheinen wir hier endlich wieder einmal ein ordentliches Adventure präsentiert bekommen.

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