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Kritik: Captain America - The First Avenger

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Kommunismus, Vietnam, 11. September: Die wechselnde Zeichner- und Autorenschaft hinter dem Marvel-Comic »Captain America« mühte sich seit 1941 um Aktualität, metaphorische Sozialkritik und (Militär)Propaganda. Jack Kirby und Joe Simon ließen ihren Helden gegen Nationalsozialisten und böse Kriegsgegner antreten, unter dem Verlag Atlas Comics kämpfte er gegen den kommunistischen Bösewicht Red Skull, bevor er 2002 das Thema Terrorismus aufgriff. Die logische Konsequenz müsste sein, dass er sich 9 Jahre später ebenfalls einer aktuellen Angelegenheit annimmt. Stattdessen kehrt er mehr oder weniger zu seinen Wurzeln zurück: Dem Zweiten Weltkrieg.

"... da wurde ich verprügelt, und da, und da, und da ..."



Es ist gewiss nicht so, dass die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely in einer Zeit ohne Krisenherde leben. Kriege gibt es auf der ganzen Welt - und es ist ebenfalls nicht so, dass die Vereinigten Staaten bei ihnen keine Rolle spielen. Weshalb also nimmt sich »Captain America - The First Avenger« nicht beispielsweise dem Nahen Osten, sprich dem Irak- oder Afghanistan-Konflikt an? In der Comic-Serie nach 09/11 wagte es John Ney Rieber, den Umgang mit Terrorismus und Gewalt zu kritisieren - er negativisierte die weltweite politische und militärische Einmischung der USA, ließ Captain America herausfinden, dass die Attentäter von den Amis bewaffnet worden waren - und wurde dafür von konservativen Kräften als antiamerikanisch deklariert. Kurzum: Er hat seiner heroischen Figur eine zeitgenössische Bedeutung zukommen lassen, in dem er sie mit aktuellen Geschehnissen jonglieren ließ. Markus' und McFellys Captain hingegen kehrt in die Vergangenheit zurück und wagt sich selbst dabei nicht einmal im Ansatz den Mund soweit aufzumachen, wie man es hätte erwarten können. »Zweiter Weltkrieg« ist hier nämlich nicht mehr als ein dumpfes Schlagwort. Die nationalsozialistischen Idealfeinde der US-Armee werden zweitplatziert dargestellt, Hauptfeinde sind so genannte okkultische HYDRA, die angeblich um weiten böser sind als es die Wehrmacht je sein könnte. Immerhin ist die Anspielung zum Okkultismus ein Seitenhieb auf Hitler und seine Schergen, die angeblich ganz versessen auf Okkultes waren.

Das ist dann aber auch schon die einzige halbherzige Parallele zur Historie. Nicht ein Hakenkreuz flimmert durchs Bild, nicht ein Mal spielt der Zweite Weltkrieg eine wirkliche Rolle. Nur insofern, als dass Steve Rogers (Chris Evans) unbedingt zur Armee will, um gegen das Deutsche Reich zu kämpfen. Obwohl Freiwillige dringend gesucht werden, wird Rogers immer und immer wieder ausgemustert. Er sei zu klein, habe Asthma, heißt es, und es gäbe andere wichtige Berufe, die er ausüben könne. Rogers möchte jedoch unbedingt ein Soldat werden - warum, weiß er selbst nicht so genau, spricht von derselben Pflichterfüllung, wie sie andere Männer tun. Abraham Erskine (Stanley Tucci) erfüllt ihm schließlich seinen Wunsch - und zwar deshalb, weil er glaubt, dass ein Schwächling wie es Rogers ist, mit großer Macht besser umgehen könne als jemand, der selbige schon immer hatte. Steve hat nämlich nicht viel mit einem Pfundskerl gemein, der einem Superhelden ähnelt: Er ist dünn, kränklich und nicht besonders groß gewachsen, erzählt bei einer Fahrt von den Orten, an denen er verprügelt wurde, weil er sich weigerte, vor seinen Problemen wegzulaufen. Erskine bewundert das. Und Erskine ist im Besitz eines Serums, das aus seinem neuen Krieger einen überlegenen Helden machen soll.

Der Austauschbare



Regisseur Joe Johnston inszeniert die physiologische Verwandlung seines Protagonisten recht kurzweilig und sehenswert. Allerdings ruft er ihn viel zu voreilig zum Helden aus, bevor er ihn als solchen wieder degradiert. Der frisch in Zeitungsartikeln abgedruckte Rogers muss sich zur Unterhaltung seiner Kameraden auf der Bühne präsentieren, mit schmucken Damen auftreten und um Unterstützung für die Armee bitten - und dabei einen Ganzkörperanzug tragen, den er schließlich als Captain America ebenfalls zur Schau stellt. Was macht den Captain nun so besonders? Gar nichts. Als durchtrainierter Mr. America ist er der gleiche willensstarke Knallkopf wie als der schmächtige Steve, der ständig abgewiesen wird. Es gibt nur einen Unterschied: Nun ist er zum Superkrieger auserkoren, allerdings nicht, weil er er ist, sondern da er wie zufällig zum richtigen Zeitpunkt an richtigen Ort war. Captain America hätte auch von Mannfred Müller aus Königsbuchstehause verkörpert werden können und wir hätten keine Differenz gemerkt.

Die Charakterzeichnung bleibt nämlich - ähnlich der Handlung - äußerst flach. Über Steve Rogers erfahren wir so wenig wie über Erskine oder Offizirin Patty Carter (Hayley Atwell), deren (spätere) Rolle vom ersten Moment an mühelos durchschaut werden kann. Bedauerlicherweise hat das zur Folge, dass man sich mit niemandem identifizieren kann und dass das Dahinscheiden einer Figur keine dramaturgische Relevanz hat. Es ist egal, wer wann wo wie stirbt. Nach wenigen Momenten hat man sowohl dessen Tod als auch ihn komplett ausgeblendet und will nur noch Actioneinlagen sehen. Die sind nämlich im Gegensatz zur Story gelungen, kurzweilig und nicht allzu überdreht. Auch die wenigen ironischen Dialoge, die wirklich zünden, werten das Gesamtbild etwas auf. Besonders Tomy Lee Jones als Colone Phillips hat (unfreiwillig) so manchen Schmunzler auf seiner Seite.

Fazit:
»Captain America« ist nicht das amerikanische Propagandafilmchen geworden, das viele befürchtet hatten. Stattdessen ist die Geschichte des zunächst schwächlichen Steve Rogers inhaltsarm und ängstlich, wagt sich nicht, den Zweiten Weltkrieg in seiner Hülle und Fülle zu thematisieren, verkriecht sich stattdessen hinter Science-Fiction, Action und Ironie. Das macht den Heldenfilm so schmächtig wie seinen Protagonisten zu Beginn.

Wertung: 5,2/10

Kommentare (5)


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TrIsO
05.02.12 - 22:29
Hab ihn auch gesehen, allerdings fand ich den jetzt nicht so Überragend. Vielleicht hatte ich mir auch zu viel erhofft von diesem Film.
Der Trailer hatte ihn mir Schmackhaft gemacht.
Dann is der doch nich so Prickelnd.
Ich hatte da viel mehr Erwartet.

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Anti78
22.08.11 - 08:52
Hm, ich fand den Film sehr gut. Ich kenne auch schon seit Jahren die Comics und finde, dass insgesamt der Film sehr gut zu den Comics passt. Chris Evans spielt die Rolle sehr gut und ich freue mich auf die weiteren Teile. Auch auf die Avengers.

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Filmfreak
21.08.11 - 21:25
Na dann bin ich auf Dein kurzes Statement sowie die Bewertung dazu gespannt.

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Fulci1978
21.08.11 - 20:25
Ich als Comicleser lasse mich mal überraschen... next week werde ich mir den anschauen...

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Filmfreak
21.08.11 - 15:59
Wenn ich mir Deine Kritik dazu durchlese, lieber Daniel dann komme ich um das Gefühl nicht herum, dass es sich hierbei um eine halbherzige Angelegenheit handelt...

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