Hosted by World4YouMontag, 16. Juli 2018 2 Filme
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Special-Review: Harveys neue Augen (PC)

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Wer behauptet, dass das Klosterleben einfarbig und langweilig sein muss? Lilli, die schüchterne Schülerin eines solchen Hauses mit blonden Haaren und pinkem Schleifchen, kann sich jedenfalls nicht über mangelnde Action beschweren: Oberin Ignatz beschäftigt sie mit immer neuen Aufgaben, die sie jedoch nur mäßig zu erfüllen weiß und deshalb mit einer Ermahnung nach der anderen bombardiert wird. Wie schön, dass ihr die leicht gestörte Edna durch den Alltag hilft ...

"Mm-m"



... die, frisch aus der Geschlossenen Anstalt entflohen, unschuldig im Gärtchen hockt und einen Schatz gefunden zu haben glaubt. Wir sollen ihr natürlich helfen, ihn zu bergen, haben aber noch die befehligende Stimme von Ignatz im Öhrchen: Befreie den Baum von den Termiten, bette den Garten um, blablabla. Mangelns Alternativen versucht Lilli, den Aufforderungen der Klostermutter nachzukommen, was sich als gar nicht so einfach erweist. Zur Gartenarbeit wird eine Schaufel benötigt, die im scheinbar unerreichbaren Keller verweilt und wie die Schädlinge bekämpft werden sollen, ist zunächst ein unlösbares Rätsel. Bis Edna uns erzählt, dass sie den Tierchen mit Honig Kunststücke beibringen konnte und jene sehr auf Süßigkeiten ansprechen. Auf der Suche nach dem klebrigen Bienenprodukt begegnen wir einem Jungen, der neben einem Brunnen steht, über dem ein Bienennest baumelt - an das wir freilich wollen, wobei sich das Ding leider löst, dem Kerl auf dem Kopf fällt und er schlussendlich in den Brunnen. Hoppla! Eigentlich müsste er uns dafür dankbar sein, schließlich kann er so den zuvor in das Wasser gefallenen Kellerschlüssel einsacken, den wir später aber ebenfalls an uns nehmen. Die Schaufel, schon vergessen?

Die lieben Termiten lassen sich tatsächlich mit dem Honig sachte verlagern und aus dem Keller holen wir uns die Schaufel, mit der wir der Erde die vermeintliche Schatztruhe entlocken. Leider stellt sich heraus, dass nicht Goldmünzen und Schmuck unser wurden, sondern eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg - verdammt! Liegt es etwa daran, dass Lilli mitgeholfen hat? Ihre Tollpatschigkeit ist im Kloster schließlich so legendär wie ihre erfolglose Streberhaftigkeit. Da war doch abzusehen, dass Edna nicht das gefunden haben kann, was sie gefunden zu haben meinte! Allerdings ist Edna - einigen sicherlich aus »Edna bricht aus« bekannt - selbst eine komische, schizophrene Person, der das einfach zustoßen musste. Aus lauter Frust über den Fund diktieren wir Lilli per Mausklick an den Baum, an dessen Ast eine Reifenschaukel baumelt - zufällig über einem angsteinflößenden Abgrund. Ganz egal, wie schmackhaft ihr der fabelhafte Erzähler Götz Otto das "Spielzeug" macht: Mit einem zuckersüßen "Mm-m" verneint Lilli den lebensgefährlichen Schaukelspaß sturköpfig und bewegt sich nicht vom Fleck.

Detailtiefe



Obschon sich Lilli kaum eine Chance bietet, sich verbal zu äußern - weil sie es selbst nicht möchte oder ihr die Worte von anderen Figuren schlicht in den Mund gelegt werden -, ist doch von vornherein klar, dass die Blondine ihren eigenen Kopf hat und ihr auferlegte Aufgaben zwar gewissentlich zu erfüllen versucht, manchmal aber absichtlich übers Ziel hinausschießt. Am Anfang müssen wir beispielsweise mit einer Harke Laub zusammenharken und verursachen dabei ein Mark und Bein erschütterndes Geräusch, als wir mit dem Gerät über Stein fahren - sehr zum Leidwesen von Ignatz, der wir ihre doofen Schikanen dadurch ein wenig heimzahlen. Die Geschichte um Lilli, deren Fantasieprodukt Harvey und deren Entwicklung baut sowohl inhaltlich als auch anhand der Aufgaben aufeinander auf, nie wird etwas Unpassendes dazwischengeschoben, das mit dem Spiel nichts zu tun zu haben scheint. »Harveys neue Augen« ist in jeder Hinsicht unfassbar detailverliebt, selbst wenn man dies anhand der recht pragmatischen Grafik, die auf sämtliche überschwengliche Animationen verzichtet, dafür aber herrlich (zu Anfang) bunt und sympathisch ist, nicht unbedingt auf den ersten Blick sieht. Dezent sieht Lilli durch das Kellerfenster hinunter, dezent weist Edna auf die Lösung der Termitenplage hin, weniger dezent allerdings der "Tutorialpolizist", der zu Beginn erklärt, wie und was ihr überhaupt tun müsst. Für Adventure-Kenner ist sein Dasein purer Genuss, denn »Harveys neue Augen« spielt sich als reines Point & Click-Adventure, das eigentlich keine Fragen offen lässt. Und durch die immerzu in Gesprächen, die wir mithilfe von Stichpunkten vertiefen können, gegebenen Hinweise wird selbst das knackigste Rätsel lösbar, ohne ein allzu penetrantes Hilfesystem missen zu müssen. Einen Wehrmutstropfen gibt es aber, insbesondere für jene Leutchen, die bei jeder Zensur auf die Decke gehen: Was Lilli innerhalb des Spieles besser nicht sehen sollte (weil es sie glatt zu fröhlich stimmen könnte!), wird knallhart von Zensurgnomen pink überstrichen.

Fazit:
Schon die stimmungsvoll-zynische Musik zum Intro von Schöpfer Jan Müller-Michaelis ist ein Wink auf das Abenteuer, das uns »Harveys neue Augen« mit Lilli bietet und das sich vom Adventure-Serienkiller-Einheitsbrei abhebt. Da wird noch eine humorvolle, kreative Geschichte erzählt, da kommen noch Sprecher wie Götz Otto zum Einsatz, die nicht nur ihre Stimme leihen, sondern hörbar ihren Job lieben. Und da wird noch gezeigt, dass es keiner realistischen Grafik bedarf, um kunstvolle Unterhaltung zu bieten - die handgezeichnete 2D-Grafik macht einiges her und bleibt, ebenso wie Edna und nun Lilli, sicher in Erinnerung.

Wertung: 9,2/10

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